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unmodern talking über das Gespräch mit Kunsthändler Boris Kegel-Konietzko im MARKK

In 100 Years

Barbara Plankensteiner, Direktorin des MARKK, trifft am 29.8.2019 den Kunsthändler Boris Kegel-Konietzko zum Gespräch im sogenannten „Zwischenraum“ des Museums. Dieser Raum wurde Anfang des Jahres eingerichtet, um die Neuausrichtung des ehemaligen „Völkerkundemuseums“ kritisch zu begleiten. Regelmäßig trifft hier alteingesessenes Publikum – das sich vielfach aus einstigem Personal des Museums bzw. aus Mitgliedern des Förderkreises zusammensetzt – auf hochschulgebildete und von postkolonialen, cyberkulturellen Identitätsdebatten informierte Millenials. Eine spannungsvolle Mischung, die wiederholt für aufgeregte Diskussionen und eyerolls, face-palms und irritiertes Schulterzucken auf allen Seiten sorgt.

Doch bei dieser Veranstaltung gab es – bis auf die unangenehmen Zwischenrufe älterer Besucher_innen, die ausschließlich Frau Plankensteiner auffordern, lauter zu sprechen (obwohl ihr Gast Kegel-Konietzko eindeutig schwerer zu verstehen war) – kaum kritische Einwände. Und das, obwohl es jeden Grund dafür gegeben hätte: Kegel-Konietzko betrieb seit den 50er Jahren mit seiner Mutter den Kunsthandel „Lore Kegel – Exotische Kunst“ bzw. seit 1957 „Kegel und Konietzko – Exotische Kunst“ und seit 1964 „Boris Kegel-Konietzko Ethnographica“. In dieser Zeit kam auch die Baga D’mba Maske aus Guinea nach Deutschland, die Kegel-Konietzko im letzten Jahr dem MARKK schenkte. Kegel-Konietzko spricht ganz selbstverständlich darüber, dass die Masken nach der Unabhängigkeit Guineas von Frankreich im Jahr 1958 leicht zu haben waren, „weil sie niemand mehr haben wollte.“ Tatsächlich gestaltete sich die Angelegenheit etwas komplizierter, die Baga D’mba Maske und die mit ihr verbundenen Rituale wurden nämlich nach der Machtübernahme des muslimisch-marxistischen Diktators Ahmed Sékou Touré verboten – im unabhängigen Staat Guinea war kein Platz für nicht-muslimische Glaubenssysteme. Damit ändert sich die Perspektive auf den „Erwerb“ der Masken deutlich, haben „Kunsthändler“ wie Kegel-Konietzko doch von der gewaltsamen Unterdrückung marginalisierter Gruppen profitiert. Ab wann ist also der „rechtmäßige Kauf“ eines Artefakts wirklich rechtmäßig? Reicht ein Nachweis in Form eines Kaufbelegs, um sich von der Schuld hegemonialer Ausbeutung reinzuwaschen? Wie frei war die Entscheidung wirklich, diese Skulpturen zu verkaufen? Es ist durchaus möglich, dass ihr Besitz geächtet wurde, aber selbst wenn nicht, bleibt die Frage, welche freien Entscheidungen unter einem totalitären Regime überhaupt denkbar sind. Ein Regime, by the way, das sich in dieser Form überhaupt erst aus der Notwendigkeit einer Dekolonialisierung und Lossagung von Frankreich und der westlichen Ausbeutung gebildet hat.

Es wäre spannend gewesen, über diese Ambivalenzen zu sprechen, Kegel-Konietzko mit kritischen Perspektiven zu seiner Tätigkeit zu konfrontieren und ihm auch die Möglichkeit zu geben, sich zu positionieren oder gegebenenfalls zu rechtfertigen. Doch die Millenials (uns inklusive) sind verstummt und überlassen die Zeit der Diskussion den Förderverein-Mitgliedern, die sich nach „Naturreligionen“ und Wert der Masken erkundigen. Und auch die Gastgeberin selbst, die über die historisch-politischen Umstände und Schwierigkeiten selbstredend Bescheid weiß (was vom Publikum nicht per sé zu erwarten ist), bleibt im Gespräch zurückhaltend. Wie kommts? Ist die Tatterigkeit des nahezu 100-jährigen Mannes, der zerbrechlich vor seinem Publikum sitzt und mit der Milde eines Märchenonkels von seinen Expeditionen erzählt, einfach zu viel für grundlegende Kritik an seinem Lebenswerk? Attestiert man einem Mann, der nur beiläufig sein Wirken in der von ihm so genannten „Hitler-Ära“ erwähnt und die westafrikanische Ethnie der Baga als „sprachenlos“ bezeichnet, weil er nicht in französisch mit ihnen kommunizieren (also um die Preise ihrer Artefakte feilschen) konnte, attestiert man diesem Mann also eine altersbedingte Unzurechnungsfähigkeit? Ist unsere ganze Wut und Überdrüssigkeit gegen den „alten weißen Mann“ eigentlich vielmehr nur gegen den „mittelalten weißen Mann“ gerichtet, alle über 75 und mit leichtem Tremor werden aber schulterzuckend begnadigt, weil „es waren ja einfach andere Zeiten“? Ob Großvater-Komplex, pure Müdigkeit, oder Furcht: Irgendetwas stoppt die Diskussion, bevor sie überhaupt beginnen kann. So bleibt der Elefant wortlos im Raum stehen und die Besucher_innen widmen sich dem obligatorischen Glas Wein.

Wir beobachten aus sicherem Abstand wie sich die Fördervereins-Mitglieder um die beiden ausgestellten Masken drängen und nur mit Nachdruck davon zu abzuhalten sind, die Artefakte zu berühren. Mit wissendem Nicken betrachten und kommentieren sie die Masken und auf einmal macht auch die wohl unausgesprochene aber obligatorische Kleiderordnung des Abends Sinn: als hanseatische_r Ethnologie-Interessiert_e kleidet man sich im Freizeits-Expeditionslook, casual sitzen die Chino- und Khaki-Hosen mit ihren breiten Ledergürteln, darüber die eine oder andere Safari-Weste, (halb Indiana-Jones, halb Schnellbootfahrer), dazwischen ein Leoparden-Print, olivgrüne Leinenkleider, ein Smaragdamulett – dieser Kolonial-Chic und die Selbstverständlichkeit, mit der er getragen wird, macht erst offensichtlich, worüber zu sprechen heute alles versäumt wurde.

Übrigens: Neben einer der beiden ausgestellten Baga D’mba Masken hängen Reproduktionen von Portraits und Büsten Pablo Picassos, mit denen er in Aneignung der Baga D’mba Masken, die er selbst auf Pariser Märkten erwarb, Marie-Thérèse Walter portraitierte. Pablo Picasso: Noch so ein weißer, alter, alter, alter Mann, dessen Machismus, Sexismus und Rassismus viel zu lange als Nebenwirkung seines syphilitischen Genies und seiner virilen Schaffenskraft entschuldigt wurde. Großväter, wir müssen sprechen.

Annette Wehrmann, photography from the series Blumensprengungen, 1991-95; Foto: Ort des Gegen e.V.

Conference: Counter-Monuments and Para-Monuments

The international conference at HFBK Hamburg on December 2-4, 2021 – jointly conceived by Nora Sternfeld and Michaela Melián –, is dedicated to the history of artistic counter-monuments and forms of protest, discusses aesthetics of memory and historical manifestations in public space, and asks about para-monuments for the present.

23 Fragen des Institutional Questionaire, grafisch umgesetzt von Ran Altamirano auf den Türgläsern der HFBK Hamburg zur Jahresausstellung 2021; Foto: Charlotte Spiegelfeld

Diversity

Wer spricht? Wer malt welches Motiv? Wer wird gezeigt, wer nicht? Identitätspolitische Fragen spielen in der Kunst und damit auch an der HFBK Hamburg eine wichtige Rolle. Das hochschuleigene Lerchenfeld-Magazin beleuchtet in der aktuellen Ausgabe Hochschulstrukturen sowie Studierendeninitiativen, die sich mit Diversität und Identität befassen.

Grafik: Tim Ballaschke

Semesterstart

Nach drei Semestern Hybrid-Lehre unter Pandemiebedingungen steht nun endlich wieder ein Präsenz-Semester bevor. Wir begrüßen alle neuen Studierenden und Lehrenden an der HFBK Hamburg und laden herzlich zur Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 ein, die in diesem Jahr von einem Gastvortrag von ruangrupa begleitet wird.

Grafik: Sam Kim, Bild im Hintergrund: Sofia Mascate, Foto: Marie-Theres Böhmker

Graduate Show 2021: All Good Things Come to an End

Vom 24. bis 26. September präsentierten die mehr als 150 Bachelor- und Master-Absolvent*innen des Jahrgangs 2020/21 ihre Abschlussarbeiten im Rahmen der Graduate Show in der HFBK Hamburg. Wir bedanken uns bei allen Besucher*innen und Beteiligten.

Foto: Klaus Frahm

Summer Break

Die HFBK Hamburg befindet sich in der vorlesungsfreien Zeit, viele Studierende und Lehrende sind im Sommerurlaub, Kunstinstitutionen haben Sommerpause. Eine gute Gelegenheit zum vielfältigen Nach-Lesen und -Sehen:

ASA Open Studio 2019, Karolinenstraße 2a, Haus 5; Foto: Matthew Muir

Live und in Farbe: die ASA Open Studios im Juni 2021

Seit 2010 organisiert die HFBK das internationale Austauschprogramm Art School Alliance. Es ermöglicht HFBK-Studierenden ein Auslandssemester an renommierten Partnerhochschulen und lädt vice versa internationale Kunststudierende an die HFBK ein. Zum Ende ihres Hamburg-Aufenthalts stellen die Studierenden in den Open Studios in der Karolinenstraße aus, die nun auch wieder für das kunstinteressierte Publikum geöffnet sind.

Studiengruppe Prof. Dr. Anja Steidinger, Was animiert uns?, 2021, Mediathek der HFBK Hamburg, Filmstill

Vermitteln und Verlernen: Wartenau Versammlungen

Die Kunstpädagogik Professorinnen Nora Sternfeld und Anja Steidinger haben das Format „Wartenau Versammlungen“ initiiert. Es oszilliert zwischen Kunst, Bildung, Forschung und Aktivismus. Ergänzend zu diesem offenen Handlungsraum gibt es nun auch eine eigene Website, die die Diskurse, Gespräche und Veranstaltungen begleitet.

Ausstellungsansicht "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; Foto: Maximilian Schwarzmann

Schule der Folgenlosigkeit

Alle reden über Folgen: Die Folgen des Klimawandels, der Corona-Pandemie oder der Digitalisierung. Friedrich von Borries (Professor für Designtheorie) dagegen widmet sich der Folgenlosigkeit. In der "Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg verknüpft er Sammlungsobjekte mit einem eigens für die Ausstellung eingerichteten „Selbstlernraum“ so, dass eine neue Perspektive auf „Nachhaltigkeit“ entsteht und vermeintlich allgemeingültige Vorstellungen eines „richtigen Lebens“ hinterfragt werden.

Jahresausstellung 2021 der HFBK Hamburg

Jahresausstellung einmal anders: Vom 12.-14. Februar 2021 hatten die Studierenden der Hochschule für bildende Künste Hamburg dafür gemeinsam mit ihren Professor*innen eine Vielzahl von Präsentationsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen erschlossen. Die Formate reichten von gestreamten Live-Performances über Videoprogramme, Radiosendungen, eine Telefonhotline, Online-Konferenzen bis hin zu einem Webshop für Editionen. Darüber hinaus waren vereinzelte Interventionen im Außenraum der HFBK und in der Stadt zu entdecken.

Studieninformationstag 2021

Wie werde ich Kunststudent*in? Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren? Kann ich an der HFBK auch auf Lehramt studieren? Diese und weitere Fragen rund um das Kunststudium beantworteten Professor*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der HFBK im Rahmen des Studieninformationstages am 13. Februar 2021. Zusätzlich findet am 23. Februar um 14 Uhr ein Termin speziell für englischsprachige Studieninteressierte statt.

Katja Pilipenko

Semestereröffnung und Hiscox-Preisverleihung 2020

Am Abend des 4. Novembers feierte die HFBK die Eröffnung des akademischen Jahres 2020/21 sowie die Verleihung des Hiscox-Kunstpreises im Livestream – offline mit genug Abstand und dennoch gemeinsam online.

Ausstellung Transparencies mit Arbeiten von Elena Crijnen, Annika Faescke, Svenja Frank, Francis Kussatz, Anne Meerpohl, Elisa Nessler, Julia Nordholz, Florentine Pahl, Cristina Rüesch, Janka Schubert, Wiebke Schwarzhans, Rosa Thiemer, Lea van Hall. Betreut von Prof. Verena Issel und Fabian Hesse; Foto: Screenshot

Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Alltagsrealität oder Klischee?; Foto: Tim Albrecht

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Ausstellung Social Design, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Teilansicht; Foto: MKG Hamburg

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?