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Die Tresen-Kolumne: Welcome to country XY

Welcome to country XY

Ich versuche normalerweise so wenig wie möglich mit Polizist_innen zu reden. Wenn man am Flughafen irgendwo einreisen muss, dann kann man sich das leider nicht aussuchen. Gestern zum Beispiel, da stand ich in der Einreiseschlange am Flughafen San Francisco. Da stehen dann vierhundert übernächtigte Menschen und es riecht nach Mundgeruch und zu viel Deo auf zu viel Kleidung, auf die die ganze Nacht Chips gerieselt sind. Ich war ein bisschen aufgeregt. Ich empfinde jede Frage nach mir oder was ich mache und wo ich hinwill, gestellt von einer Amtsperson, als unerhörte Frechheit. Als blonder, weißer Mensch mit einem deuschen Pass, stellen mich diese Momente der Befragung natürlich nie vor wirkliche Probleme. Es ist allen Beteiligten am Gespräch von vornherein klar: es gibt am Ende einen Stempel und ein nicht ganz ernstgemeintes „Welcome to country XY“. Auf die Frage des Officers, was in Germany mein Beruf sei, antwortete ich diesmal wahrheitsgemäß (denn mein geliebtes „Barkeeper“ kann ich ja nun nicht mehr sagen), ich sei ein freelance writer und habe fine art studiert und arbeite aber auch als photographer. Als ich mit dieser Selbstbeschreibung fertig war, musste ich lachen, denn sie klang wirklich hillariously bescheuert – wie wenn man jemandem erzählt, dass man nach Berlin zieht – been there, done that. Der Officer sah mich kurz an und erzählte mir dann von seinem eigenen Kunststudium, Mixed Media, Videokunst. Das mit dem Geld ging sich nie aus, also ist er Polizist geworden, seitdem kontrolliert er Pässe, solle ich doch auch machen, dann sei der struggle nicht ganz so groß, naja, wie auch immer: Have a nice vacation und welcome to the United States of America. Dass sich das mit dem Geld nicht aussgeht, kam für ihn offensichtlich überraschend. Sich mit dieser Erkenntnis der Polizei anzuschließen ist wirklich, freundlich ausgedrückt, pragmatisch gedacht. Viel an der, gerade in Deutschland sich zurzeit in aller Munde befindlichen, „Freiheit der Kunst“ kann ihm nicht gelegen haben, denn oft ist es die Polizei, die ebendieser Freiheit einen Strich durch die Rechnung macht. Gerade in Deutschland macht aktuell die Debatte um die Errichtung einer Wache und die angedohte Präsenz von 1.000 Beamt_innen auf dem kommenden Fusion-Festival wohl auch diesen künstlerischen Freiraum zu nichte. Denn entweder die Fusion Verantwortlichen bekommen vor Gericht Recht zugesprochen und der unbegründeten Polizeipräsens fehlt die rechtliche Grundlage, oder die Fusion 2018 war das letzte Festival dieser Art in Deutschland. Denn eins ist sicher: Einen utopischen und künstlerischen Freiraum wird es mit patrolierenden Streifen nicht geben.

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