Die Tresen-Kolumne: Spritzgussteile
Spritzgussteile
Die halbe Woche auf der Autobahn verbracht, irgendwo in den graumelierten Trassen, die sich durch die Felder schneiden zwischen Allgäu und Niedersachsen, Ski-Dome Bispingen, Oberfranken, Gedenkstätte Bergen-Belsen, Hessen und Playmobil-FunPark. Frühstück gibt es von 6 Uhr 30 bis 9 Uhr 30: weiße Brötchen, Schwarzbrot, Graubrot, Croissants, Müsli, Bierschinken, Leberwurst, Rührei und Nutella. Die Schalen kommen in die weiße Müllvase auf dem Tisch, das Butterpapier auch. Am Nachbartisch sitzt ein Mann* vom ADAC und interviewt eine Frau*, deren Auto mitten auf der Autobahnbaustelle den Geist aufgab. „Nehm se sich doch was, lassen se sich das doch nicht zweimal sagen“, sagt die Frau mit dem kaputten Auto zur ADAC-Person. Er* legt seine Pannen-Formulare beiseite und belegt sich ein Brötchen mit Ei und Schinken. Beide essen und sind sich schmatzend einig, die A7 sei eine einzige Katastrophe, Baustellen überall, maximal 80 km/h. Es ist Sommer, in meinem Mund und Nase ist diese Melange aus Asphalt, gemähtem Gras, Wunderbaum und Tomaten-Ciabatta mit Bockwurst. Dazu ein Cornetto oder Beach-Cola zwischen den LKWs. Daneben abschüssiges Gelände, Klopapierreste und Wohnwagen der Marke Hobby Deluxe. 3275 Menschen verloren ihr Leben im Jahr 2018 auf deutschen Straßen. Jedes Jahr ein ganzes Dorf. Deutsche und Autos ist wie US-Bürger_innen und Schusswaffen patriarchale Hobbys – die zu Naturgesetzen imaginiert wurden. Leben und Sterben der deutschen Mitte. Auf der Überholspur fast nur hochpreisige Kombis und Limousinen aus deutscher Produktion. Geschwindigkeit ist eben auch eine Frage der sozialen Klasse. Auf den Heckklappen sind oft die Logos der Firmen aufgedruckt, aber nicht wie bei den Lieferwagen und LKWs, sondern kleiner und der Farbe des geleasten Firmenwagens angeglichen: Zinntech, Dentamed, Deltatrans. Auf dem Rücksitz hängen die Ersatzhemden, ein Kleiderhaken wurde am Kopfteil des Beifahrersitzes angebracht, auf der Rückbank liegt der druckfrische Katalog mit den Produkten der Firma: neue Kugellager, Zahnprotesen, Aluminium-Spritzgussteile. Der Fahrer gestikuliert wild mit den Armen, schiebt mit der Lichthupe die anderen Autos beiseite, sein Audi geht bis 220, er schafft die Strecke München – Fulda in zwei Stunden. Und dann noch kurz Landstraße, auf dem Heimweg beim Obi noch Kohle besorgen. Morgen kommen die Kollegen zum Grillen vorbei, das Weizenbier hat die Frau schon besorgt, sie macht ihren berühmten Nudelsalat. Der Carport hat Platz für drei Autos. „Und dann, nach ein paar Stunden“, so heißt es im Imagefilm von Würth, „da geht es wieder los, da haben wir Hummeln im Hintern, da müssen wir wieder raus zum Kunden, zu Ihnen.“ Ich schließe die Augen, Beach-Cola im Bauch, gemähtes Gras in der Nase, lege mich flach auf eine feuerfeste Unterlage und warte, dass Hilfe kommt.
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