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Die Tresen-Kolumne: Shooting

Shooting

Der Mann vor mir in der U-Bahn fotografiert sein schlafendes Kind. Er hat den Kamerasound nicht ausgeschaltet. Mit jedem Mal Auslösen macht sein Telefon dieses Default-Foto-Geräusch. Erst ein Klacken und dann ein hohes und kurzes Surren. Ich bin ungehalten. Menschen, die Tasten-und Fotogeräusche ihrer Telefone nicht ausschalten, haben die Kontrolle verloren, denke ich. Und warum auch 30 Bilder von dem schlafenden Kind machen, die alle gleich aussehen, was ist los mit dir? Das Geräusch der simulierten Kamera ist zum allgemeingültigen Audiosymbol für Fotografie geworden: so klingen Fotos. Simuliert wird eine analoge Kamera mit Motor, so eine, die den Film automatisch weiterspult. Hatte ich nie. Meine Kameras haben immer Klick und dann ein klappriges Zerren gemacht, wenn man den Film mit einem Rad ein Stückchen weiterdreht. Motoren hatten die Kameras bei Modeshootings, oder wo auch immer es schnell gehen musste. Wahrscheinlich ist es auch deshalb das Geräusch der Telefone geworden: Mode, oder es muss halt schnell gehen. Das Surren des simulierten Motors: Es klingt wie das hochgepitchte Kreischen eines Tie-Fighters, diese kleinen Raumschiffe des galaktofaschistischen Imperiums aus Star Wars, ein Audiosymbol für Weltraumgeschichten. Deren Kreischen ist selbst nur eine runtergepitchte Tonspur der Sirene eines deutschen Stuka, diesmal das echte faschistische Imperium. Auch wieder so ein Audiosymbol, diesmal aber für Krieg. Feueralarm klingt heute noch so: ein leierndes, erst tiefes dann höher und lauter werdendes Heulen. Eigentlich kommt das Geräusch durch das Anlaufen eines Propellers zustande, der von Hand erstmal in Geschwindigkeit versetzt werden musste. Heute ist der Sound digital und hat seinen materiellen Kontext verloren. Ted Nelson war entsetzt, als ihm bewusst wurde, dass das Internet, an dessen Entwicklung er zeitweise beteilig war, das Gefängnis des Papiers nicht zerbrechen werden wird. Websites, Pdfs, Dokumente, alle bleiben der analogen Linearität des Buches verpflichtet. So auch die digitale Kamera des U-Bahn-Vaters. Never change a Winning Team. Nach 36 Bildern seines schlafenden Kindes hätte er den Film wechseln müssen, dann los zu Photo-Porst, dann entwickeln lassen, dann Abzüge bestellen etc.etc.: Geld und Zeit. Vielleicht brauchen Menschen analoge Bezüge, weil sie sonst vergessen, dass auch der unendliche Film im Handy, auch das unendliche Buch, trotzdem Ressourcen verschlingen. Vielleicht auch nicht, ist ja sonst auch irgendwie egal, wenn etwas Ressourcen verschlingt. Vielleicht ist es einfach Trägheit. Das würde auch die lange Geschichte des Kamerageräusches erklären, zwischen Modeshooting, Warnung und Entsetzen. In jeder Oktave gleich bleibt allerdings das Gefühl, dass Deckung suchen oder weglaufen die dazu angebrachte Handlung wäre.

https://rhizome.hfbk.net/p/197723


Digitale Lehre an der HFBK

Wie die Hochschule die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen verbindet.

Absolvent*innenstudie der HFBK

Kunst studieren – und was kommt danach? Die Klischeebilder halten sich standhaft: Wer Kunst studiert hat, wird entweder Taxifahrer, arbeitet in einer Bar oder heiratet reich. Aber wirklich von der Kunst leben könnten nur die wenigsten – erst Recht in Zeiten globaler Krisen. Die HFBK Hamburg wollte es genauer wissen und hat bei der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg eine breit angelegte Befragung ihrer Absolventinnen und Absolventen der letzten 15 Jahre in Auftrag gegeben.

Jahresausstellung 2020 an der HFBK Hamburg

Zur Jahresausstellung der HFBK Hamburg präsentieren rund 800 Studierende drei Tage lang ein breites Spektrum künstlerischer Arbeiten: von Film und Fotografie über Performance, Skulptur und Malerei bis hin zu Raum- und Soundinstallationen sowie Designentwürfen. Besucherinnen und Besucher sind herzlich eingeladen, sich ein Bild von den aktuellen Produktionen der Hochschule.

Wie politisch ist Social Design?

Social Design, so der oft formulierte eigene Anspruch, will gesellschaftliche Missstände thematisieren und im Idealfall verändern. Deshalb versteht es sich als gesellschaftskritisch – und optimiert gleichzeitig das Bestehende. Was also ist die politische Dimension von Social Design – ist es Motor zur Veränderung oder trägt es zur Stabilisierung und Normalisierung bestehender Ungerechtigkeiten bei?