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Die Tresen-Kolumne: No such user

No such user

Der Mailer Daemon ist so etwas wie der Chronist prekärer Wanderarbeit im Kunstbetrieb. Als Galerieperson komme ich selten hinterher, alle Kurator_innen und sonstige Menschen in Museen und Galerien und deren Werdegänge zu verfolgen. Ich merke nur: Irgendetwas muss passiert sein, wenn man vor zwei Monaten noch mit den Menschen gesprochen hat und dann plötzlich der Mailer Daemon sich meldet mit der trockenen Bemerkung: „No such mailbox“, oder „No such user“. Die Person ist dann weitergezogen oder verstorben oder wurde abgeworben, hat eine sexistische Ausstellung gemacht oder Geld veruntreut oder wurde gefeuert oder hat sich einen Bauernhof gekauft und sitzt glücklich oder traurig im Dorfkrug. Wenn ich Zeit finde, dann setze ich mich mit dem Puzzle auseinander. Oft ergeben sich aus drei bis vier „no such user“ Meldungen eine Geschichte. Ort A wurde geschlossen, Person A wurde gefeuert, Person B hat nun diese Stelle und Person C übernimmt nun die Leitungsposition von Person B. Der gesamte europäische Zirkus für leitende Stellen in großen Kunstinstitutionen besteht aus gefühlt 12 Personen, die sich konstant gegenseitig beerben. Den Wechsel bemerkt man häufig daran, dass ein neues Grafikkonzept eingeführt wird, sich die Typo ändert, Außen jetzt beflaggt wird. Gibt man den Namen der gesuchten Person bei Google ein, so wird man meist schnell fündig. Es ist immer dasselbe Bild mit wechselnden Gesichtern: In festlicher Kleidung, die aber immer sachliche Ernsthaftigkeit ausstrahlt, lehnt Person A, die Arme verschränkt, den Kopf ein bisschen schief gelegt und mit festem Blick in die Kamera an der Eingangspforte zu ihrer neuen Wirkungsstätte. Dieses Bild ist vielleicht das allgemeingültigste Symbol für kuratorische Arbeit: Menschen, die ernst vor prächtigen Pforten lehnen. Als neue Gatekeeper, zumindest für eine Zeit. Was soll man sonst auch fotografieren? Die Autor_in sitzt vor ihrem Bücherregal, die Richter_in hat einen kleinen Holzhammer in der Hand, die Tiefbauunternehmer_in lässt sich vielleicht mit einer Erdrakete portraitieren. Die Kurator_in hat kein eigenes Werkzeug, nur das Haus und den ernsten Blick. Dieser ernste Blick ist aber wahrscheinlich auch nach innen gerichtet, in Gedanken an die neuen Kämpfe mit den neuen städtischen und privaten Geldgeber_innen, den Museumsstrukturen, Sammler_innen, bei der Wohnungssuche, mit den Beziehungen zu Menschen, die irgendwo anders geblieben sind, mit dem restlichen Team an Assistenz, Produktion und Presse, von denen ein paar von der alten Arbeit mitgekommen sind, weil für sie ohne Person A dort kein Platz mehr war. Ich trage dann die Adressen nach und lösche die alten, erneuere Nummern, schreibe Notizen in unser Kontaktebuch: „War davor dort...“. Der Mailer Daemon ist immer da, er schaut und wartet und prüft um mir als Erstem von den Veränderungen zu künden.

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