Die Tresen-Kolumne: Moratorium
Moratorium
Ich habe mich lange davor gedrückt, diese Woche eine Kolumne zu schreiben. Erstens, weil mir wenig anderes einfällt, als über die Coronakrise zu sprechen und das gerade natürlich alle tun und nichts anderes lesen und zweitens, weil jeder Tag neue Einschränkungen mit sich bringt und alles, was sich über die heutige Situation sagen lässt, morgen bereits wieder veraltet sein wird. Diese Kolumne heißt ja immer noch "Der Tresen".
Ziemlich genau vor einem Jahr habe ich aufgehört, an eben jenem Tresen zu arbeiten. Meine alte Bar hat jetzt, so wie alle Bars zu, und meine Freund_innen dort bekommen jetzt Kurzarbeitsgeld und dann nichts mehr. Die scheinbar natürliche Symbiose der Bararbeit und der kulturellen Produktion sind nun vielleicht an ein historisches Ende gelangt, denn beides liegt in Scherben. Freund_innen, die sich ihre unbezahlten Ausstellungen oder unterbezahlten Konzerte durch die Arbeit hinter dem Tresen querfinanziert haben, und das sind wirklich viele, stehen nun auf beiden Seiten der Einkommensgenese mit leeren Händen da. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr so viele Wirtschaftszweige scheinbar genauso auf Kante genäht sind, wie die finanziellen Rücklagen des kulturellen und wissenschaftlichen Prekariats.
Das deutsche Diktum der Rücklagenschaffung und des Gesundsparens zeigen sich nun in seiner ganzen Unwirklichkeit für diesen Sektor. Es gibt keine Rücklagen, woher sollen die auch kommen? Umso zynischer wirkt das erste zaghafte Hilfsangebot der Stadt, man könne nun günstig Kredite bei der KfW bekommen. Die meisten meiner kunststudierten Tresenfreund_innen sind selbst im laufenden Betrieb am Ende ihres Dispos. Die Miete und die monatlichen Ausgaben werden bar vom Handlohn inklusive Trinkgeld bezahlt. Das Konto bleibt Konto, hat aber keinen praktischen Nutzen. Ein Not-Kredit würde für die meisten die Krise einfach nach hinten aufschieben, denn von 9 Euro Stundenlohn und den 150 Euro Ausstellungshonorar zweimal im Jahr, mit dem auch die Produktion bezahlt werden muss, kann man nicht auch noch Kredite tilgen.
Gleiches Problem bei der SAGA, die Mietstundungen anbietet und Mieterhöhungen aussetzt. Es ist für die meisten unmöglich, selbst in guten Zeiten, die Doppelbelastung der Miete plus Rückzahlung der Stundungen zu tragen. Ein Mietenmoratorium muss her und ein Grundeinkommen für die Zeit der Krise. Und wo sind eigentlich die ganzen Kunstsammler_innen jetzt? Solidarische und breitgefächerte Ankäufe wären doch eine Idee. Bislang haben sich die meisten allerdings in die Erkerzimmer ihrer Villen zurückgezogen und warten, dass wir sie wieder einladen, zu den Veranstaltungen, die durch 120 Stunden Mindestlohnarbeit am Tresen oder in der Kita etc. finanziert wurden. Aber ohne den existenziellen Drive wäre sonst wahrscheinlich auch der Reiz weg. Das Gute an der derzeitigen Krise ist vielleicht die Tatsache, dass sich durch die existenzielle Bedrohung gerade eine solidarische Bezugnahme aufeinander, das Stellen gemeinsamer Forderungen und ein generelles Entstehen eines neuen, bzw. wiederentdeckten Klassenbewusstseins, nicht als Künstler_innen, sondern als Prekäre, herauskristallisiert. Also ist es nicht nur grimme Gewissheit, sondern auch eine leise Hoffnung, dass die Welt der Kulturarbeit nach der Krise nicht mehr die selbe sein wird.
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