Die Tresen-Kolumen: Mineralschlamm
Je kälter ein Haus gebaut ist, umso schwerer ist es behangen mit guten Wünschen. Das ist vielleicht mein Forschungsergebnis von 5 Jahren undercover in der Pendler_innenwelt, die Deutschland abseits ihrer Zentren ist – also nahezu überall. Magistralen führen in jede Richtung aus dem Zentrum in die Vororte. Dann in die Speckgürtel, Kreise, Flecken, Märkte, Wüstungen. Es gibt Wanderwege, Fahrradwege und pittoreske Fachwerkdörfer. An der Bauepoche der Klöster und Kirchen kann man gut erkennen, in welchem Jahrhundert der herrschenden Feudalfamilie das Geld ausgegangen ist. Bauen ist immer unmittelbar politische Hegenmoniegeschichte. Die hegemoniale Lebensform Deutschlands ist die arbeitende, mobile, liquide und heteronormative Familie mit Eigentum und nach diesem Prinzip formt sich der Lebensraum. Mein Cousin D. lebt mit C., seiner Frau, und einer Tochter in einem Straßendorf dazwischen. Er steigt morgens in den Kombi und fährt eine Stunde zur Arbeit nach Frankfurt. Sie steigt morgens in den kleineren Zweitwagen und fährt eine Stunde zu Arbeit nach Würzburg. Die A3 hält alles zusammen wie ein Paketband. Auf der Wohnungstür hängt eine kleine Tafel, auf die mit Kreide geschrieben steht: „Don´t forget to smile.“ Es ist ein Lebensentwurf, der, eben weil er hegemonial ist, den Menschen als praktikabel, funktionierend und tendenziell alternativlos dargestellt wird: Geteiltes Konto, geteiltes Risiko, Pendlerpauschale, Leasingwagen, Steuerabschreibungen, home is where your heart is, also auf der A3, zwischen den Lärmschutzwänden, dahinter irgendwo Holzkirchen, Triefenstein oder Aschaffenburg. Zuhause ein Kamin, das Anmachholz im Edelstahlständer in Herzform. Am Abend schau ich eine Folge Love Island. Die Kandidat_innen der Villa, die nicht zufällig auf Mallorca steht, sind laut Formatprämisse auf der Suche nach der großen Liebe. Das Wandtattoo im Schlafzimmer in Schreibschrift fordert von den Suchenden beständig: „Happy End“. Es ist leicht aus der Perspektive des Kunstalumni aus der Großstadt dem Ganzen mit zynischem Ekel zu begegnen. Pah, das soll Liebe sein? Aber eigentlich weiß ich es doch auch nicht besser. Die Erfindung der romantischen Liebe ist menschheitsgeschichtlich noch gar nicht so lange her und seit ihrer Erfindung befindet sich die Welt im Würgegriff der befürchteten und gefühlten Underperformance ebendiese betreffend. Meine, aus Büchern, Peernarratives, Filmen und Songs angelernten Parameter die Liebe betreffend, sind natürlich nicht minder aus der argumentativen Luft gegriffen und vielleicht ist Vertrauen gut, Steuerabschreibung aber auch. Und da für magische Rituale und für metaphysische Begriffe manchmal beschwörungsimmanente Fetische von Nöten sind, ist ein geschmiedetes Herz als Holzspender und ein aus Mineralschlamm geputztes Spruchrelief in der Wohn- und Essstube doch vielleicht genau das richtige.
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