Tresen-Kolumne: Kohle und Bohne
Mein Vater wurde noch im Krieg geboren, meine Mutter kurz danach. Erst im Kontakt mit anderen Menschen fällt mir immer mal wieder auf, dass ich als Kind, das in den 1980er Jahren geboren wurde, aus der Familienlogik eigentlich Nachkriegsgeneration bin – Late Bloomer. Vielleicht bin ich deshalb so merkwürdig gebunden in meiner Beschäftigung mit der Unmöglichkeit Deutschlands. Inzwischen habe ich viel gesehen und gelesen und war hier und dort, um mein Unbehagen zu untermauern. Trotzdem setzt es sich immer auch sensorisch aus sehr spezifischen Bildern und Situationen zusammen, die durch meinen Geist blitzen, sobald ich an Deutschland denke: feuerverzinktes Stahlblech, hochkant verlegte Pflasterendsteine, der Geruch von Sonne auf Faserbetonplatten, Gelächter aus Garagen, kühle Hauseingänge, die nach Zeitung, Rauch und Lachspfanne riechen, Taft Haargel, das dumpfe Geräusch von zerbrechenden Grillanzündern, das schlesische Platt der älteren Nachbarin und über allen anderen thront der Geruch von Majoran, der sich verkuttert als Leberwurst morgens wie abends über die Brote der Stadt ergießt.
Auferstanden aus dem Wirtschaftswunder, dem Wunder von Bern und dem Sommermärchen erzählt dieses Land eine merkwürdig märchenhafte Geschichte des Voranschreitens und wie alle Märchen, ist auch dieses ein Katalysatoren für etwas anderes. Natürlich stimmt diese Geschichte nicht, aber sie klingt besser als die Gewalterzählung, die dahinter liegt, oder die Geschichte, als Deutschland mit einer Verwarnung laufen gelassen wurde, weil der Kommunismus den Westalliierten noch gefährlicher vorkam als die alten faschistischen Strukturen hierzulande.
Ich habe geträumt, ich wollte mir einen Hund besorgen und habe mich dann doch für eine große, grüne Heuschrecke entschieden, die eigentlich aussah wie eine aufgeklappte Brechbohne mit vier Beinen. Sie lief neben mir her und trug auf ihrem Rücken ein kleines Stück Parmesan für alle Fälle. Ich wachte enttäuscht von der Heuschrecke auf, ich weiß nicht warum. Das erinnert mich an das Märchen von der Kohle, der Bohne und dem Strohhalm, die alle dem Herdfeuer und dem Kochtopf einer älteren Frau entflohen sind, und sich zusammenschließen, um durch die Welt zu ziehen. Schon bald kommen sie an einen Bach und wissen nicht, wie sie hinübersetzen sollen. Da hat der Strohhalm eine Idee und legt sich quer von Ufer zu Ufer. Doch als die, immer noch glühende, Kohle auf den Strohhalm steigt, verbrennt dieser und beide stürzen in den Bach und ertrinken. Die Bohne am Ufer hatte nichts besseres zu tun, als über das Unglück ihrer Freund:innen so stark zu lachen, dass sie einfach platzte. Zum Glück saß am selben Bach ein Schneider auf Wanderschaft, der das ganze beobachtet hatte und nähte die Bohne mit schwarzem Faden wieder zusammen. Seitdem haben Bohnen eine Naht.
Ich frage mich seit jeher, was eigentlich die Moral dieser Geschichte sein soll. Vielleicht dass Schadenfreude nur dann ein Problem ist, wenn man dadurch selbst schwer verwundet wird.
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