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Die Tresen-Kolumne: Fog of War

Fog of War

„Du könntest mein Sohn sein.“, sagte der Mann am Tresen um circa 6:20 Uhr in der Früh. Er, wohl so Mitte vierzig, merkte selber, dass sein Aussagesatz großer Quatsch war und fügte etwas leiser hinterher: „Wenn ich pervers früh gebumst hätte.“ Er legte ein paar Münzen auf den Tresen um sein Bier und die beiden Tequila zu bezahlen, ging zur Tür und drehte sich noch einmal um, die Klinke schon in der Hand: „Rock on!“ So verschwand er in den frühen Sonntagmorgen. Alles klar, Dad. Ein paar Tage zuvor ein ähnliches Spiel, nur etwas freundlicher: „Du bist ein guter Junge“ sagte M. und drückte mir die Hand mit seiner linken und die Schulter mit der rechten Hand. Hätte er mir noch die Haare verwuschelt und mich Räuberhauptmann genannt, dann wäre es ein relativ exaktes Reenactment meines Lebens als Sechsjähriger gewesen. Menschen, die alt werden, neigen dazu, das Leben um sie herum zu verkleinern. Zum Alt-Werden: Ich will das hier nicht an einem Alter festmachen. „Menschen, die sich plötzlich oder wiederkehrend gewahr werden, dass Zeit vergangen ist“, so vielleicht! Zum Verkleinern: Damit meine ich die Erfahrungen aller anderen Menschen, die die eigene Alterspanne noch nicht erreicht haben. Ich kann die Mechanik dahinter durchaus nachvollziehen, eigentlich aber ist sie schwer überheblich. Es ist die Frage des Referenzwertes, und hier kann eigentlich nur das eine eigene Leben herhalten und das ist nicht besonders aussagekräftig alle Dinge betreffend, die eben nicht das eine eigene Leben sind. Wenn man die Welt und alle potenziellen Erfahrungen, die in ihr gemacht werden können, als Referenzwert nimmt, dann ist das Resultat ein anderes: das Meiste hat man eben nicht gesehen und das Meiste hat man nicht gemacht und das Meiste hat man nicht erfahren. Ich bin inzwischen fast einmal ganz durch Deutschland gelaufen. Das Meiste habe ich nicht gesehen. Vielleicht habe ich zweihundert Dörfer besucht und bei gutem Wetter konnte ich vielleicht drei Kilometer weit schauen. Alles andere kenne ich nicht. Fog of War, das ist die entsprechende Bezeichnung für dieses Phänomen in den Echtzeitstrategiespielen der Neunziger Jahre. Die Welt ist bedeckt von einem grauen Schleier. Er klärt sich auf im Sichtbereich einer Einheit und schließt sich hinter ihr wieder. Ahnungslos steht man da im Leben rum, rundum nur Nebel aus unbekannten Erfahrungen. Richard Rorty würde sagen: Stimmt, aber Empathie für andere Menschen und deren begrenzten Erfahrungshorizont, möglich gemacht durch Bücher, Gespräche, Filme und meinetwegen auch Kunst lässt den Fog of War inselweise langsam weichen. Infektiöse Entwicklung nennt man das im Fotolabor, wenn an mehreren Stellen, gleichzeitig oder zeitnah, das Bild sichtbar wird. Puh, so viele Begriffe mit unterschiedlichen Wertungstendenzen. Wie auch immer: Das Leben ist unter ganz vielem anderen eben auch sinnlos.

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