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Auf rhizome.hfbk.net: Die neue Tresen-Kolumne

Das große Schweigen

Am Freitag, den 25. Mai tritt die neue Datenschutzverordnung in Kraft und mein Postfach ist voll von Emails diverser Kunstinstitutionen, Museen, Galerien, Off-Spaces. Der Inhalt dieser Mails ist im Kern immer der selbe: „Bitte antworten Sie auf diese Email, wenn Sie weiterhin im Verteiler bleiben wollen.“ Ich habe noch auf keine dieser Nachrichten geantwortet, ich kann nicht, ich weiß nicht warum. Vielleicht weil ich sehen will, wie das große Schweigen einbricht. In vielen meiner vergangenen oder aktuellen Arbeitsbeschäftigungen im Kulturbetrieb sah der Tagesbeginn folgendermaßen aus: Postfach öffnen, alle Newsletter der anderen Institutionen löschen und dann eigene Newsletter versenden. Und ich nehme an, dieser Vorgang wiederholt sich an den Schreibtischen der meisten Institutionen zeitgleich mit meinem.

Spam löschen, Spam schreiben: Bei uns trägt ein kleiner Hund einen großen Zylinder, bei uns wurde die Stadt mittels Gedankenübertragung vermessen, bei uns gibt es Kuchen und Musik, Hallo, meine Lieben. - Die Einladungsform dieser Newsletter ist eine Tarnung. Die meisten Institutionen haben ihre festen Peers: Menschen, Freund_innenkreise und Gruppen, die immer kommen und die wiederum ihre Freund_innen und Bekannten mitbringen.

Die Newsletter sind vor allem eine Ware der globalen Aufmerksamkeitsökonomie im Kulturarbeitsmarkt. Eigennamen und Verweise werden manifest als Sediment in den Betreffzeilen des Posteingangs. Schicht um Schicht tröpfelt sich die Legitimation der eigenen Arbeit als Arbeit zusammen. Während ich dies schreibe, komme ich zu dem Schluss, dass es vielleicht doch eine gute Idee ist, auf all diese Emails zu antworten, in all den Verteilern zu bleiben, solidarisch die Arbeit der Anderen, die auch meine ist, zu bezeugen. Vielleicht richte ich mir eigens dafür eine Adresse ein und melde mich wirklich überall an.

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