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Tresen-Kolumne: Blechkuchenknappheit

Blechkuchenknappheit

Gestern war ich mit D. spazieren gewesen. Wir brauchen beide neue Jacken: Meine hat viele Löcher, D. hat gar keine. Ich erzähle D. davon, dass ich kaum geschlafen habe in der Nacht. Ich habe einen Job für die nächsten 3 Jahre. Für meine Verhältnisse ist das eine Wahnsinnszeitspanne. Bislang ging es immer Monatsweise voran. Mir ist dann eingefallen, dass ich mir nach den 3 Jahren was Neues suchen muss und wenn es gut läuft, dann finde ich wieder was für so lange und danach muss ich mir wieder was Neues suchen und dieses Gefühl der ungewissen Zukunft werde ich also noch 10 bis 15 mal haben - wenn alles gut läuft - und das erschien mir elendig mühsam.

Auf der anderen Seite ist die Vorstellung, dann was zu finden und dort die nächsten dreißig Jahre zu bleiben auch bedrückend. Da ist man dann bis zum Schluss, dann weiß man was kommt. Wie ein Toffifee, wenn man da die Haselnuss in der Mitte erreicht hat, dann weiß man auch: Hier nach kommt nichts mehr. Das hab ich mir gedacht, nicht wenn Tag ist, nur in der Nacht. D. sagt, er hat keine Jacke, weil, immer wenn er sich eine kaufen will, denkt er sich, dass es sich doch vielleicht gar nicht mehr lohnt, denn wer weiß, vielleicht wacht er morgen gar nicht mehr auf und dann braucht er auch keine neue Jacke mehr. D. hat gar keinen Grund das zu denken, die meisten Anzeichen deuten auf ein konstantes morgendliches Aufwachen hin für die nächste Zeit, aber er denkt es halt und lässt es dann mit dem Jackenkauf. Auch eine Möglichkeit Geld zu sparen.

Wir sind beide in akademischen Mittelschichtsverhältnissen groß geworden, sozusagen mit dem stabilen WMF-Löffel im Mund, einem Kombi in der Eltern-Garage und einem Netz aus, für uns Kinder, undurchsichtigen finanziellen Verbindlichkeiten. Die Renten waren sicher, die Spareinlagen waren sicher, die Bausparverträge verfetteten sich über die Zeit wie gut gefütterte Kohlmeisen und am Sonntag gab es Blechkuchen satt. Nicht fancy sondern vernünftiger Wohlstand, aus der Sicht von Menschen, die 1953 an Preisausschreiben für echten Bohnenkaffee teilgenommen haben – Einlagenfamilien: Spareinlagen, Suppeneinlagen, Pfannkuchenstreifen, Eierstich, Bienenstich, Kupferstich, orthopädische Einlagen. Angst vor dem Zerfließen der Zeit und das Gefühl der Sinn- und Effektlosigkeit von ernsthaftem Stabilitätsaufbau oder Zukunftsbemühungen sind, sicher nicht exklusiv, aber doch eher spezifische Angstszenarien von einer Generation post-properen Mittelschichtkids – Die schleichende Furcht einer voranschreitenden Blechkuchenknappheit.

Die Sicherheit der Eltern werden wir nicht erreichen, geerbt haben wir, zumindest D. und ich, ein lauerndes Verlustgefühl, welches ein unbestimmtes Haben voraussetzt: Gesundheit, Zeit, Chancen, Status. Dinge, die sich dann erst einstellen, wenn die anderen, durch unlauteren Klassenvorteil, keine Rolle mehr spielen: Obdach, Essen, Unversehrtheit. Vielleicht besorg ich D. einfach eine Jacke. Wenn er innerhalb der nächsten 14 Tage dann nicht mehr aufwacht, kann ich sie immer noch zurückgeben.

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