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Die Tresen-Kolumne: Bauende Geister

Bauende Geister

Sarah Winchester, die Witwe eines der Winchester Waffenfabrikerben, war die Bauherrin des Winchester Mystery House, welches inzwischen am Stadtrand von San Jose in Kalifornien liegt. Als sie es bauen ließ, hieß es noch nicht so und der Stadtrand von San Jose war noch ein paar Meilen entfernt. Die Geschichte des Mystery House ist eine eigene Story für sich und ich will sie hier nicht in Gänze wiederholen. Es gibt auch einen Film dazu, mit Hellen Mirren in der Hauptrolle, aber auch das soll hier gerade egal sein. Das tolle an Sarah Winchester und ihrem Haus ist die Tatsache, dass sich Sarah jeden Abend zwischen 0 und 2 Uhr Nachts in einen Raum in der Mitte des Hauses hat einschließen lassen, um dort architektonische Anweisungen durch Geister zu empfangen. Sie zeichnete die feinstofflich-telepathisch übertragenen Bauvorschriften in eine Art Bauplan, bis nach zwei Stunden, eine/r der Arbeiter_innen die Glocke im Turm läutete und somit die Geister- und Entwurfszeit beendete. Diesen so angefertigten Plan übergab Sarah Winchester am nächsten Tag den Handwerker_innen. Diese begannen sofort mit dem An-und Umbau und so folgte Raum auf Raum, tagein tagaus. Diese Technik ist auf mehreren Ebenen toll. Sie verlagert die Autor_innenschaft und somit auch die Gestaltungsverantwortung für das Gebäude ins Okkulte. Vielleicht, weil Sarah W., wie die Legende besagt, durch Zugeständnisse an die Geister weiteres Unglück vermeiden wollte. (Die Geister, das muss hier vielleicht erwähnt sein, waren die jener durch Winchesterwaffen verunglückten Menschen). Vielleicht aber auch, weil eine häuserentwerfende Frau im Jahr 1884, dem Jahr des Baubeginns, der patriarchal und christlich geprägten Gesellschaft Kaliforniens undenkbarer erschienen wäre als bauende Geister. Der heilige Geist war ja schließlich auch überall, warum nicht also auch die ganzen anderen, nicht ganz so heiligen Gespenster. Was die Anhänger_innen der Geistergeschichte allerdings übersehen, ist die Tatsache, dass die sprechenden Seelen in ihren Entwürfen und den gegenüber Sarah W. geäusserten Bedürfnissen, immer ein, für die damalige Zeit, sehr zeitgenössisches und modernes Gebäude im Sinn hatten und nicht ein wildes Stilmedley ihrer diversen Lebenszeiten. Es bleibt also im Endeffekt ein bisschen egal, welche Wissensquelle wir anzapfen oder in welchen kulturellen Traditionen wir stehen – gefiltert wird es am Ende eh durch das Aktivkohlebecken der Zeitgenoss_innenschaft. Das daraus gewonnene Filtrat ist immer eine Art von temporärem Agreement darüber, welches Imitat von Bekanntem noch nicht als Imitat, sondern noch als generisches Eigenprodukt anerkannt wird. Geister waren und sind dabei weiterhin eine legitime Quelle.

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