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3 Notizen: zur Ausstellung "Trauern" in der Hamburger Kunsthalle

1 Intime Momente und groß angelegte Trauerzüge, Abschiedslieder und Trauerränder, bunte Särge und viele viele Tränen: Das "Trauern" in all seinen Facetten will die aktuelle Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle untersuchen. Und das Thema schlug ein wie ein Sailstorfers Abrissbirnen-Tränen im passenden Einstiegsvideo: 2000 Menschen kamen zur Eröffnung, spürbar mehr als sonst.

2 Das Interesse ist also da. Aber Deutschland und das Trauern - es ist so eine Sache. Erst letzten Sommer becheinigte Mely Kiyak auf ZEIT ONLINE der deutschen Gesellschaft die Unfähigkeit zu Trauern. Es wird unter den Teppich gekehrt, rationalisiert, im Persönlichen wie im Politischen. Wer trauerte um NSU-Opfer, um den erschossenen Walter Lübcke? (Selbst nach Hanau schien schnell alles wie Business as Usual). Und die Schau scheint Kiyaks Text irgendwie zu bestätigen. Während Willem de Roijs Zeitungscollagen weltweite Verzweiflungsäußerungen zeigen, während auf Paul Fuscos berührenden Fotos des Leichenzuges von Bobby Kennedy kollektiver Abschied vollzogen wird oder bunte ghanaische Särge das Leben feiern, zeigen dröge Gemälde von Greta Rauer die bleischweren deutschen Begräbnissitten.

3 Doch ohne richtiges Trauern gibt es auch kein Mitgefühl, ohne Trauer bleibt nur die Wut als gefährliches Mittel der Affektableitung. So schreibt Kiyak: "Als 1992 der Pogrom von Rostock-Lichtenhagen geschah, beschlossen Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, und sein Generalsekretär Michel Friedman, dorthin zu fahren, weil es niemand sonst aus der Bundesregierung tat. (...) Als also die Vertreter des Zentralrates den Weg ins Sonnenblumenhaus liefen, bat ein Kamerateam Bubis um ein paar Worte. Er aber weinte nur und antwortete: "Man kann darüber nicht reden." Dieses Schweigen war erschütternder, als es Worte hätten sein können. Und ehrlicher. Denn manchmal muss man schweigen, fühlen, trauern. Aber auch Deutsche sind zuweilen traurig, das muss man hier einwenden: Sibylle Fendts intime Fotos der letzten gemeinsamen Reise eines alten Ehepaars oder Tilman Walthers Videocollage einer Dating-Sendung geben Einblicke in verletzte Seelen, die wehtun und rühren. Vor allem das erdrückende Video von Walther zeigt aber auch, dass man hierzulande am besten um eine Person trauert: um sich selbst.

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