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Die Tresen-Kolumne: Ein quakender Frosch

Ein quakender Frosch

Ich habe wieder von der Bar geträumt. Irgendwer hatte alle Barwerkzeuge unter dem Mülleimer versteckt. Ich suchte und suchte, das Eis schmolz derweil in den wartenden Gläsern, sie liefen langsam über, und meine Füße versanken im Schmelzwasser. Es war keine gute Nacht, ich war ziemlich aufgeregt, weil ich meinen ersten Vortrag, gemeinsam mit N., am nächsten Tag halten sollte. Es war eh gut, sehr gut sogar. Vielleicht mach ich das jetzt öfter. Als ich die Treppen zum Vorlesungszimmer hochstieg, dachte ich allerdings kurz: ich sterbe, muss mich sicher gleich übergeben, die Gummibeine tragen mich niemals noch ein ganzes Stockwerk hoch, so müde, vielleicht sollte ich doch lieber ins Bett gehen. Ich hatte alles vorher schon so oft durchgespielt, irgendwer wird merken, dass ich eigentlich nur ein Hochstapler bin. Fotos werden rumgereicht- mit dem Teleobjektiv aus einem Auto geschossen, auf denen ich zu sehen bin, wie ich lustige Taschenbücher lese, anstatt mich zu bilden. Ein paar werden enttäuscht den Raum verlassen, andere werden aufstehen und mich mit ihren nach Farben sortierten Finelinern bewerfen. Schließlich wurde ihnen akademische Expertise versprochen und nicht ein quakender Frosch. Das ist dann alles nicht passiert. Ich habe, glaube ich, noch nie in so viele freundliche Gesichter geblickt. Das hat geholfen. Wenn es los geht, geht es los. Die ganze Hölle davor: vergessen. Das kenne ich schon von anderen Veranstaltungen: Ausstellungen, Klassengesprächen, Schlussmachtreffs (naja, da ist es schon auch danach und währenddessen noch schlimm). Wie untertauchen in einem See: sobald das kalte Wasser den Bauch passiert hat, wird es besser. Das Wasser hört auf, Projektionsfläche für irgendwelche Sorgen zu sein und verwandelt sich schlicht und ergreifend in Wasser. So war es auch bei dem Vortrag. Reden ist ja an sich nicht mein Problem, mach ich eh ein paar mal am Tag. Im See untertauchen wird leichter, je wärmer das Wasser ist. Im Vorlesungssaal untertauchen wird leichter, je wärmer die Gesten der Menschen sind, zu denen man spricht. Ich glaube, ich war oft nicht so, wenn vor mir Menschen sprachen. Eher mit verschränkten Armen in der letzten Reihe sitzend, auf einen Fehler wartend, dann gelangweilt mit den Lippen ein Pfff gemacht und weiter in mein Buch gekritzelt. Das mache ich jetzt wahrscheinlich nicht mehr, wieder was gelernt.

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