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Liebe Freunde der gepflegten Meinungsverschiedenheit, alle zwei Wochen erscheint ab jetzt meine Debattenrundschau zur zeitgenössischen Kunst und angrenzenden Bereichen. Ich versuche ein möglichst großes Meinungsspektrum abzudecken, die ausgewählten Artikel und Zitate spiegeln also nicht notwendigerweise meine persönliche Meinung wider. Vielen Dank an Tilman Walther alias @der_tresen für den wunderbaren Titel meiner Kolumne. Zum Archiv meiner Debattenrundschau (was für ein schönes ARD BRD Wort) geht es hier entlang.

Vor gut einem Jahr veröffentlichte Steven Pinke sein Buch "Aufklärung jetzt", eine Verteidigungsrede zu Gunsten von Vernunft, Wissenschaft und Humanismus. In einem Gastbeitrag für die Neue Züricher Zeitung antwortet er auf die typischsten Kritiken an seinem Plädoyer. Er schreibt in der Einleitung seines Artikels: "Mein Buch 'Aufklärung jetzt' ist [...] von Kritikern auf der Linken wie auf der Rechten attackiert worden. Sie gaben der Aufklärung die Schuld für Rassismus und Imperialismus, existenzielle Bedrohungen und epidemische Einsamkeit, Depressionen und Suizid. Sie mäkelten, die Daten, die den Fortschritt belegen, beruhten nur auf Rosinenpicken. Und sie höhnten, mit kaum verhüllter Schadenfreude, die Aufklärung sei eine Idee mit Verfallsdatum, sie habe im Zeitalter des autoritären Populismus, der sozialen Netzwerke und der künstlichen Intelligenz keine Zukunft." Auch angesichts bestimmter Tendenzen in der Kunstwelt, die dunklen Seiten der Aufklärung verstärkt in den Blick zu nehmen, eine interessante Lektüre.

"Werk ohne Autor" heißt der neue Film von Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, welcher vor knapp zwei Wochen für den Oskar als bester fremdsprachiger Film nominiert wurde. Die Geschichte des Kinofilms basiert in Grundzügen auf der Biografie des Malers Gerhard Richter, mit dem er sich zur Vorbereitung des Film mehrmals getroffen und ausgetauscht hatte. Mir selbst ist bisher keine positive Besprechung des Films über den Weg gelaufen, weder im deutschen Feuilleton noch in auf Kunst fokussierten Fachpublikationen. Einen lesenswerten Verriss hat zum Beispiel Dan Schindel für Hyperallergic.com verfasst.

Schindel bezieht sich zu Beginn seiner Besprechung auf einige kritische Statements Richters, welcher den Film und dessen Regisseur nach längerem Schweigen heftig kritisiert hatte. In einem Artikel des Magazins New Yorker über „Werk ohne Autor“ wird aus zwei Briefen des Künstlers an die Autorin des Artikels, Dana Goodyear, zitiert, in denen Richter von Donnersmarck vorwirft, seine Biographie missbraucht und grässlich entstellt zu haben. Er habe dem Regisseur von Anfang an verboten, seinen Namen und seine Arbeiten in direktem Zusammenhang mit dem Film zu verwenden, worüber sich dieser aber dreist hinweggesetzt habe ( Spiegel Online hat die wichtigsten Aussagen Richters auf Deutsch zusammengefasst).

Richter hat den Film selbst nie gesehen, wie er zugibt, nur den Trailer. Dazu von Donnersmarck im Gespräch mit Dana Goodyear: "'It’s too bad he didn’t see it, but I can understand it a little bit. If I imagine someone taking my life story and putting a spin on it, either it would be super-painful, because it would be so close to these painful chapters in my life, or it would be painful because it was not close enough.'"

Eine ganz ähnliche Debatte zettelte vor knapp zwei Wochen der Dichter und Autor Christoph Hein an. In einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung schildert er, wie von Donnersmarck ihn 2002 bat, ihm von seinen Lebensumständen als in der DDR lebender Schriftsteller zu berichten, und zwar zur Vorbereitung seines Films "Das Leben der Anderen", welcher 2006 veröffentlicht wurde und im folgenden Jahr den Oskar in der Kategorie "bester fremdsprachiger Film" gewann. In seinem Beitrag wirft Hein dem Regisseur vor, seine differenzierten Ausführungen aus dramaturgischen Gründen verfälscht zu haben: "Alles, was ich ihm ein paar Jahre zuvor erzählt hatte, war von ihm bunt durcheinandergemischt und dramatisch oder vielmehr sehr effektvoll melodramatisch neu zusammengesetzt worden." Hein schließt seinen Texte mit folgenden Worten: "Der Film wurde ein Welterfolg. Es ist aussichtslos für mich, meine Lebensgeschichte dagegensetzen zu wollen. Ich werde meine Erinnerungen dem Kino anpassen müssen. Denn wenn auch die Tragödie zur Farce wird und schließlich zur Hanswurstiade, so endet doch alles als Melodram." Die Verwirrung um Wahrheit und Fiktion wird perfekt durch die Tatsache, dass einige Details aus Heins Artikel sich inzwischen als falsch herausgestellt haben. Daniel Haas schreibt in seinem Artikel für die NZZ zur Debatte um Heins Beitrag: "In der 'FAZ' wies Literaturchef Andreas Platthaus dem Schriftsteller gleich mehrere Fehler nach: Es gebe beim 'Leben der Anderen' gar keinen Vorspann, Heins Name könne dort also auch nie aufgetaucht sein." (Hein behauptet, er habe seinen Namen aus Protest aus dem Vorspann des Films löschen lassen.) "Und ein von Hein auf 2002 datiertes Gespräch zwischen ihm und dem Regisseur müsse ebenfalls erfunden sein. Die Begegnung sei auf Betreiben des Schauspielers Ulrich Mühe zustande gekommen, der aber habe Donnersmarck zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gekannt. Das Gespräch müsse auf später datiert werden, so die Schlussfolgerung von Platthaus, 'und sein Verlauf kann keinen grossen Einfluss mehr auf die bereits niedergeschriebene Geschichte gehabt haben.'" Daniel Haas erkennt in den Diskussionen um die Fiktionalisierungen von Donnersmarcks einen Ausdruck gesellschaftlicher Verunsicherung: "[…] [Am] Streit über 'Das Leben der Anderen', zwölf Jahre nach seinem Erscheinen, zeigt sich auch ein massiv gewachsenes Unbehagen an der Kultur. Diese Kultur wird bestimmt von einer Erosion der Fakten, einer Auswaschung einstmals solider Tatsachenfundamente durch den Strom der medial inszenierten Halbwahrheiten. Die Künste tragen deshalb eine grosse Bürde: Sie sollen den Vertrauensverlust wettmachen, durch Präzision, Angemessenheit und Pietät," so Haas' etwas steile These.

Bleiben wir beim Film – vor wenigen Tagen ist auf Netflix der Horrorthriller "Velvet Buzzsaw" angelaufen, den Trailer kann man sich hier auf Youtube ansehen (Spoilerwarnung: man erfährt deutlich zu viel über die Story). Interessant macht den Film vor allem die Tatsache, dass er in der Kunstwelt angesiedelt ist und zahlreiche Schauspielstars mitwirken, man bei der Produktion also aufs ganz große Publikum zielte. Ben Davis hat sich den Film angesehen und befindet in seiner Besprechung für news.artnet.com: "[…] [It] must be said that Velvet Buzzsaw is more fun as a satire of art than it is as a horror movie. It follows basic horror-movie logic where sinister forces function as a kind of moral reckoning, punishing the characters for their sins." Davis weiter: "[As] a fairly angry satire of the art industry in 2019, the horror set-up of Velvet Buzzsaw is a fine delivery system. This is a horror movie about money and the commercialization of art in the same way that Get Out was a horror movie about gaslighting and liberal racism." Die Darstellung der Machtstrukturen innerhalb der Kunstwelt empfindet Davis als erstaunlich zutreffend. Die Figur des Kunstkritikers (in der Hauptrolle: Jake Gyllenhaal) sei in ihrer Macht überzeichnet – kein/e Kunstkritiker/in habe heutzutage einen solch großen Einfluss, wie er im Film dargestellt werde. Ebenfalls nicht ganz zutreffend dargestellt sei der Einfluss extrem reicher KunstsammlerInnen, denen das Drehbuch eine eher untergeordnete Rolle zuweist.

Noch eine weitere Meldung zu Gerhard Richter: Vor dem Amtsgericht Köln muss sich ein Mann wegen Diebstahls verantworten – er habe postkartengroße Zeichnungen aus einer Mülltonne des Malers entwendet und versucht sie zu Geld zu machen, so der Vorwurf. Eine DPA-Meldung zu dem Fall veröffentlichte unter anderem die Neue Züricher Zeitung. Darin heißt es weiter: "Das Gericht habe nun die Frage zu klären, ob der Müll immer noch als Eigentum dessen betrachtet werden müsse, der ihn vor die Tür gestellt habe. Dabei gebe es einen Unterschied zwischen einem Joghurtbecher und einem Werk von Richter, sagte die Sprecherin." Für potentielle Käufer dieses Mülls wäre eher die Frage interessant ob es sich dabei um "schlechte Kunst" handelt – worauf die Tatsache deutet dass Richter die Skizzen weggeworfen hat – oder ob die Artefakte durch den Akt des Wegwerfens ihren Status als Kunstwerk von Gerhard Richter gänzlich verloren haben.

Eine Klagewelle gegen New Yorker Galerien machte vor einigen Tagen Schlagzeilen. Ihre Webseiten entsprächen nicht den gesetzlichen Bestimmungen zur "Barrierefreiheit", da sie so programmiert worden seien dass Blinde und sehbehinderte Menschen sie nicht benutzen könnten. Eileen Kinsella beschreibt die technische Seite des Problem in ihrem Artikel für news.artnet.com folgendermaßen: "Like the lawsuits targeting other businesses, the claims against galleries tend to identify websites that lack special code that would enable browsers to describe images for people with impaired vision. In order for screen-reading software to work, the information on a website must be capable of being rendered into text."

Vor zehn Jahren wurde "How to Start and Run a Commercial Art Gallery" von Edward Winkleman veröffentlicht. Zum zehnten Geburtstag des Buches ist nun eine erweiterte Ausgabe erschienen, für die sich der Autor mit Patton Hindle zusammengetan hat, welche gegenwärtig die Kunst-Abteilung der Crowdfundig-Plattform Kickstarter leitet. In den vergangenen zehn Jahren hat die Bedeutung des Internets für den Kunsthandel stark zugenommen und so widmen sich die beiden Autoren besonders möglichen Online-Strategien für kommerzielle Kunstgalerien. Artspace.com hat eine Leseprobe der neuen Ausgabe veröffentlicht, welche einen kompakten Überblick darüber gibt, welche Möglichkeiten Galerien aktuell zur Verfügung stehen das eigene Geschäftsmodell durch internetbasierte Strategien zu stärken und auszubauen. Regisseur Wes Anderson und Illustratorin, Designerin und Autorin Juman Malouf haben zusammen eine Ausstellung für das Kunsthistorische Museum in Wien konzipiert. Aus den Beständen der ausstellenden Institution, des Weltmuseums Wien, des dortigen Theatermuseums und des Naturgeschichtsmuseums haben sie eine Schau kuratiert, die eher assoziative und formale Zusammenhänge zwischen den Artefakten in den Vordergrund stellt und historische Bezüge bewusst vernachlässigt. spikemagazine.com hat eine Fotostrecke zur Ausstellung veröffentlicht, welche zumindest einen groben Eindruck von ihrer Konzeption vermittelt. Diese Herangehensweise scheint für FAZ-Kritiker Dietmar Dath jedoch ein absolutes No Go zu sein – sein Verriss der Ausstellung ist derart scharf ausgefallen, dass sich die Lektüre allein schon wegen dessen Tonfall lohnt. Kleine Kostprobe: "Kultur und Naturgeschichte werden so ineinandergesteckt wie Knorpel-Lego, indifferenter Biomüll: Die wunderschöne Glasqualle da vorn ist aus Dresden und relativ jung, der drollige hölzerne Stachelfisch dort drüben aus Bali und relativ alt. Deutlicher kann man das Wort „egal“ nicht in Dingen ausbuchstabieren." Institutionen (hier: das Museum; akademischer Fachbereiche) werden aufgelöst zugunsten einer eher künstlerischen Perspektive, die etablierte Narrative in Frage stellt – das scheint für Dath ein echtes Problem zu sein. Die Wut des Autors überrascht auch deshalb, weil diese Art der Herangehensweise in der Kunst keineswegs neu ist. Eine merkwürdige Verbitterung, gepaart mit Kulturpessimismus, durchzieht den Text und lässt die Polemik zum Teil ins Gehässige abgleiten. Konservative Kunstkritik als Rückzugsgefecht – das kehrt nicht gerade das edelsten Seiten eines Menschen hervor.

Neben dem fünfhundertsten Todestags Leonardo da Vincis wird die Kunstwelt in diesem Jahr ein weiteres Jubiläum feiern – vor einhundert Jahren wurde in Weimar das Bauhaus gegründet. In der populären Wahrnehmung ist vor allem das Möbeldesign und die Architektur der Moderne eng mit dem Bauhaus verbunden. Sogar der Brutalismus erfährt zur Zeit eine neue Wertschätzung, zumindest in ästhetischer Hinsicht. Der Architekt Philipp Oswalt macht sich nun im Interview mit Christine Käppeler, welches der Freitag veröffentlicht hat, daran, den Mythos des Bauhauses gründlich zu zerlegen. Es habe viele widersprüchliche Strömungen innerhalb des Bauhauses gegeben, seine Historisierung sei allerdings vor allem von Gropius vorangetrieben worden, der ein ganz bestimmtes Bild prägte, so Oswalt. Er nennt viele weitere interessante Beispiele die belegen dass das Bauhaus eine ambivalente Institution war, die wenig mit dem strahlenden Bild gemein hat, welches in der Öffentlichkeit präsent ist. Auf die finale Frage, was er sich für den weiteren Umgang mit dem Bauhaus wünschen würde, antwortet Oswalt: "Anders als in den 1920er Jahren ist das Bauhaus heute zum Mainstream geworden. Es passt vermeintlich perfekt in eine Zeit, wo alles designt, kreativ und individuell sein muss. Die Marke Bauhaus wird für alles genutzt: für Politik, Tourismusindustrie und Vermarktung von Konsumgütern. Damit verliert das Bauhaus jedes kritische und widerständige Potenzial, die es einst gehabt hatte. Das geht aber nur, weil das in der Öffentlichkeit verbreitete Bauhaus-Bild verfälscht ist, weil alle Krisen, Konflikte, Widersprüche und Irrwege verschwiegen werden. Erst wenn wir diese wiederentdecken, könnte das Bauhaus nochmals produktiv wirken."

Und zu guter Letzt: Wie die italienischen Futuristen Anfang der Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts versuchten die Pasta abzuschaffen – ein Rückblick von Katja Ilken, veröffentlicht auf Spiegel Online.

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