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Wir haben kein Energy

Es ist vollbracht. Die Tresenarbeit ist beendet. Also nicht diese hier, sondern jene dort. Das letzte Getränk ist gemacht, der letzte Zettel ist bezahlt, die letzten Hände sind geschüttelt. Es war ein bisschen traurig aber aushaltbar. Es war zu voll für Gefühle. Also einen letzten Schnaps ausgeben „Auf dich“, fester Händedruck: „Pass auf dich auf“ und „Komm bald wieder“ und das wars dann. Der anbrandende Dom und das gute Wetter machten jedes längere Gespräch zunichte: St. Pauli war voller Reisegruppen aus Boston, Bamberg, Barmbek. Betreuungsintensive Gäste - Die erste Bestellung immer: Wodka-Energy. „Wir haben kein Energy“ meine wahrheitsgemäße Antwort. So niedergeschrieben eigentlich ein ziemlich lustiger Satz. Wenn es „kein Energy“ gibt, dann ist meist die zweite Bestellanfrage ein 80er Jahre Cocktail, den die Leute aus den Urlaubsressorts mitgebracht haben: Pina Colada zum Beispiel, oder Mojito. Da ich damit auch nicht dienen kann, wird dann meist entweder Rum-Cola oder „Jackie-Cola“ getrunken. Das geht, das kann ich machen. Wodka-Energy ist ein scheußliches Getränk. Also ich meine nicht vom Geschmack, darüber lässt sich eh streiten, ich meine von der Wirkung. Wenn irgendwo „Wodka-E“ getrunken wird, dann gibt es früher oder später Stress. Die magische Wirkung von Herzrasen, fallenden Grenzen und Mundgeruch macht jeden Abend schnell zu einem lauten Gewaltgulasch konkurrierender Jungmännergruppen. Ob solche Sachen angeboten werden oder nicht, beeinflusst natürlich das Klientel einer Bar und so sehr ich auch dafür bin, gewalt-förmigen Männerhaufen keine Räume zu bieten, so ist die Getränkekarte natürlich auch immer eine Grenzmarkierung der sozialen Klasse. Die Bourgeoisie braucht keine Energy sondern Kreativität und Synergieeffekte. Rum-Cola kann dabei eine Brücke sein. Den kann man einfach so, als schlichtes Alkoholvehikel bestellen oder als Cuba Libre und sich dabei ein bisschen fancy fühlen. In die eine Variante kommen die Limetten oben rein, in der zweiten unten. Thats it. Das ist nun alles nicht mehr so sehr mein Problem. Zumindest habe ich jetzt die Wahl, einfach nach Hause zu gehen, wenn mir die Energy ausgeht. Sie hören von mir.

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