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der tresen's Public Feed: Kontrollverlust Seitdem ich i...

Seitdem ich in der Bar arbeite, habe ich oft denselben Traum. Er unterscheidet sich in seiner Füllung, aber die Struktur bleibt die selbe. Es ist ein Angsttraum, in dem es um Kontrollverlust geht. Alle Varianten sind für sich seltsam, einer allerdings wird mir im Gedächtnis bleiben. Diese Träume fangen immer gleich an: Ich will den Laden zumachen, habe alles aufgeräumt und geputzt, meine Jacke angezogen und will gerade das Licht ausmachen, da schwingt die Tür auf und es kommen hunderte Leute rein, reden durcheinander, rufen Bestellungen aus den dunkelsten Ecken des Raumes. Ich stehe dann da, mit meiner Jacke und meinem Rucksack, rufe laut: „Hier ist zu, geht nach Hause!“ - aber es kommt kein Geräusch aus meinem Mund. Die Menschen drehen die Stühle, die schon aufgebockt auf den Tischen stehen, einfach wieder um, setzen sich und schauen mich fremd an, wie ich immer heiserer werdend rufe. Sie schauen mich an und sagen: „Ein Gin Tonic bitte!“ - sie hören mich einfach nicht. Das Neue an diesem einen Traum war allerdings, dass die tönende Masse an Gesichtern sich plötzlich zu einer geordneten Schlange formierte, deren Ende sich bis um die nächste Straßenecke zog. Jemand hatte ihnen erzählt, dass mein Tresen nicht nur Tresen, sondern auch Generalrezeption aller Hamburger Airbnb-Wohnungen sei. Nun standen sie vor mir, gaben mir Schlüssel und schmutzige Handtücher zurück. Eine ältere Frau* reklamierte wutschnaubend eine zerbrochene Vase. Entschuldigungen stammelnd, liefen mir die Tränen runter - sie hören mich einfach nicht. Kontrollverlustängste sind wahrscheinlich relativ verbreitet.

Nichts habe ich unter Kontrolle: meine Zukunft nicht, meinen Körper nicht, die Anderen nicht. Geschenkt. Was tun also? Airbnb strukturell zu verunmöglichen, daran kann ich mitarbeiten. Die steigenden Mieten und die Wohnungsnot in Hamburg sind zwei Probleme, die unmittelbar zusammenhängen. Airbnb schafft Vielen dadurch Abhilfe, dass sie ihre Wohnung eine, zwei, drei Wochen untervermieten und so das Geld für die nächsten zwei Monate akquirieren. Airbnb nimmt allerdings, professionell betrieben, auch viele Wohnungen vom Markt, die eigentlich für die Menschen, die hier leben, gedacht waren und weniger als Hauptquartier für den millionsten, finanziell und körperlich potenten Junggesell_innenabschied. Das ist eine sehr geraffte Kritik, die vieles auslässt. Ich bin so müde, schlecht geschlafen. Kommt zum Mietenmove am 2. Juni, um 13 Uhr ab Spielbudenplatz. Für mehr Wohnraum, für gerechte Mieten und bessere Träume für alle.

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