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Seit April 2025 bilden neun Studierende das Graduiertenkolleg Being(s): Artistic Research in Transformative Contexts of Health. Hier stellen die Stipendiat*innen ihre Forschungsprojekte vor:

Dariia Kuzmych: Temporalities of recovery (working title) +

Der vernichtende Krieg und der expansive Terror Russlands haben die künstlerische Praxis ukrainischer Künstler*innen verändert. Dariia Kuzmych interessiert sich für Grenzen und Übergänge in der Kunst, für die Umsetzung von Kunst in Aktionen mit greifbaren Auswirkungen. Ihr Projekt erforscht die Erfahrungen von Menschen nach Kampfhandlungen, von Menschen, die an der Front waren und die Linie mit ihrem eigenen Körper getragen haben. Sie haben zahlreiche sichtbare und unsichtbare Verletzungen. Ihre Körper sind verstümmelt, und sie leiden unter ständiger psychischer Belastung. Ihre Wunden, ihre Verluste und ihre Trauer haben sich in die Biografie ihres Widerstands, in die Struktur ihres eigenen Selbst eingeschrieben.

In ihrem Projekt untersucht sie an der Seite von Kriegsveteranen die Zeitlichkeit des russisch-ukrainischen Krieges, wie sie sich in den individuellen Genesungswegen manifestiert. Das Nebeneinander von Vernichtungs- und Wiederaufbauprozessen innerhalb dieser Wege spiegelt den spezifischen Charakter der durch den Krieg verursachten abrupten Veränderungen wider. Wie offenbart sich die Zeit durch menschliches Handeln, durch den Körper und seine Transformation? Was ist in den Körpern der Menschen eingeschrieben, wenn sie sich dem Terror aussetzen? Die Geschichte ist in die fehlenden Gliedmaßen geätzt, in die Kampferfahrung, die der Körper aufnimmt. Die Natur der Zeit offenbart sich durch Brüche, Verluste, Schmerz, Erneuerung, Erholung und Umstrukturierung – durch den Beginn des Neuen. Abrupte Veränderungen stören die alte Ordnung und lassen eine neue entstehen. Die Routine der Genesung und Verwandlung – ihre Wunder und Verluste – äußert sich in winzigen Gesten, in Sätzen, in Handlungen der Neudefinition der gewohnten Rollen des eigenen Körpers, während man sich an Prothesen anpasst.

Betreuer*innen: Prof. Kader Attia (HFBK Hamburg) und Prof. Dr. Sophie Witt (Universität Hamburg)

Helene Kummer: More-Than-Human Drama (working title) +

Zeichentrickfiguren und Leinwandgestalten sind immer wieder in unsere Begegnungen mit Tieren involviert. Bewusst oder unbewusst beeinflussen, verwirren und verzerren sie unsere Vorstellungen und unser Wissen über das Leben und die Lebensweise von nicht-menschlichen Tieren. Während der „Bambi-Effekt“ unter anderem eine erhöhte Sensibilität gegenüber Wildtieren und eine Ablehnung der Jagd als Reaktion auf niedliche Zeichentrickfiguren beschreibt, hatten Produktionen wie Findet Nemo (2003) und Rascal the Raccoon (1977) den gegenteiligen Effekt. Die Zuneigung zu den Hauptfiguren führte zu einer Nachfrage nach lebenden Clownfischen und Waschbären als Haustiere, was reale Folgen für die Tiergruppen und die Gesundheit ganzer Ökosysteme hatte. Diese konkreten, aber auch weniger offensichtlichen Beispiele für die medienbedingte Popularität von Tieren und die damit einhergehenden Fehlvorstellungen bilden die Grundlage meiner künstlerischen Forschung.

„Sowohl das wissenschaftliche als auch das populäre Denken tendieren zu der Schlussfolgerung, dass es letztlich nur einzelne Antworten auf einzelne Fragen gibt. Was ist Intelligenz? Wer besitzt sie? Wo passen sie in unsere starren Strukturen und Hierarchien des Denkens und der Herrschaft? Vielleicht – man höre und staune – funktioniert die Welt einfach nicht so.“[1]

Nicht nur Filme, sondern auch wissenschaftliche Studien, Kosmologien und “Weltentstehungsprojekte“ [2] prägen unser Verhältnis zu Mäusen, Wäldern und Samen. Viele dieser Forschungsergebnisse und Fiktionen zeigen die Subjektivität des nicht-menschlichen [3] Lebens lediglich als dem Menschen untergeordnete Wesen, die ihre Ressourcen, einzigartigen Fähigkeiten und ihr Aussehen ausnutzen, um sie als Marionetten und Requisiten für anthropozentrische Erzählungen zu instrumentalisieren. Diese doppelte Unsichtbarkeit entfremdet uns weiter von den ökologischen Interdependenzen, die die Grundlage für das kollektive Überleben bilden.[4] „Aber das Bewusstsein für die sinnliche Existenz anderer Lebensformen muss keine großen Ideen oder Aktionen beinhalten. Wie wäre es mit einem Besuch in der heimischen Gärtnerei, um an den Pflanzen zu riechen?“[5]

Dieses Promotionsprojekt konzentriert sich auf das Medium Animationsfilm und untersucht die dramaturgischen, sprachlichen und ästhetischen Formen des Tieres sowie die jeweiligen medienspezifischen Spielweisen. Auf den Spuren populärer Tierfiguren lassen sich viele unerwartete Begegnungen, Geschichten und Verbindungen finden. Diese Dialoge und überraschenden Verbindungen bilden den Rahmen für eine Reihe von filmischen und installativen Arbeiten, die die Potenziale und Praktiken des Dokumentarfilms (Beobachten, Zuhören, Aufnehmen) und der 3D-Animation (Extrahieren, Imaginieren, Verkörpern) zusammenführen. „Damit Tiere und ihre Handlungsfähigkeit in der Geschichte sichtbar werden, ist es sinnvoll, ihnen ‚Geschichten zu geben‘ und ihre Geschichten zu erzählen“ [6] In Anlehnung an Jessica Ullrich und Alexandra Böhm experimentiert das Projekt auch mit der Idee, Tierfiguren durch mitfühlendes und verantwortungsvolles Erzählen zu einem rebellischen Selbst zu verhelfen. Die damit verbundene ambivalente Dynamik von Anthropomorphismus [7] und Anthropozentrismus wird als willkommene Herausforderung für die künstlerische Forschung am Rande der rationalen wissenschaftlichen Logik angenommen.

Betreuer*innen: Prof. Jeanne Faust (HFBK Hamburg) und Prof. Dr. Sophie Witt (Universität Hamburg)

[1] James Bridle, Ways of Being: Animals, Plants, Machines: The search for a Planetary Intelligence, Farrar, Straus and Giroux, New York, 2022.

[2] “World-making projects” beschreibt, wie Menschen und nicht-menschliche Lebewesen gemeinsam neue Welten durch fragile, unvorhersehbare und gemeinschaftliche Prozesse schaffen, oft inmitten ökologischer und sozialer Krisen. (vgl. Anna Tsing, The Mushroom at the End of the World. On the Possibility of Life in Capitalist Ruins, Princeton University Press, 2015.

[3] Der Begriff „mehr-als-menschliche Welt“ bezieht sich auf eine Denkweise, die die Trennung zwischen Mensch und Natur zu überwinden sucht. Er wurde erstmals 1996 von David Abram in The Spell of the Sensuous: Perception and Language in a More-than-Human World eingeführt. Heute hat der Begriff u.⁠ ⁠a. durch James Bridles Ways of Being (siehe Anmerkung 1) an Popularität gewonnen.

[4] Anna Tsings Konzept des „kollaborativen Überlebens“ beschreibt, wie verschiedene Arten, einschließlich des Menschen, durch gegenseitige Abhängigkeiten und Zusammenarbeit in unsicheren, von Zerstörung und Unsicherheit geprägten Umgebungen neue Lebensmöglichkeiten schaffen, um gemeinsam zu überleben.

[5] Timothy Morton, Being Ecological, MIT Press, 2018.

[6] Jessica Ullrich, Alexandra Böhm (Hrsg.), Tierstudien, Neofelis, 16/2019.

[7] „Anthropomorphismus“ bezieht sich auf die Vermenschlichung von Tieren zu Zwecken wie der Unterhaltung.

Johannes Büttner: Longevity (working title) +

Das künstlerisches Forschungsprojekt untersucht eine wachsende Gemeinschaft von Aktivist*innen der Langlebigkeit, deren Ziel es ist, die biologischen Grenzen des menschlichen Lebens zu überwinden und den Tod durch fortschrittliche medizinische Wissenschaft zu besiegen. Diese Akteure – Unternehmer, Biohacker, Wissenschaftler, Risikokapitalgeber – mobilisieren finanzielle und intellektuelle Ressourcen, um weltweit experimentelle Forschungsprojekte zu finanzieren. Dabei stützen sie sich auf Blockchain-basierte Mechanismen für die Finanzierung, die Verwaltung und den Aufbau von Gemeinschaften und kombinieren biotechnologische Ambitionen mit dezentralen technologischen Infrastrukturen.

Blockchain ist hier nicht nur ein finanzielles Instrument, sondern auch ein organisatorischer Rahmen zur Umgehung herkömmlicher Regulierungsstrukturen und zur Beschleunigung der Innovation. Da viele der von dieser Gemeinschaft angestrebten Behandlungen – Gen-Editierung, Anti-Aging-Pharmakologie, Kryonik, Mind-Upload – rechtlich nicht sanktioniert sind oder langwierige Genehmigungsverfahren durchlaufen müssen, strebt die Bewegung nach neuen rechtlichen und territorialen Konfigurationen. Dazu gehören freie Privatstädte, Sonderwirtschaftszonen und extraterritoriale Enklaven, in denen die Regierungsführung durch private Verträge und Marktbeziehungen definiert wird. Das Ziel ist nicht nur die Förderung biomedizinischer Innovationen, sondern auch das Experimentieren mit alternativen gesellschaftlichen Arrangements, die von libertären und anarchokapitalistischen Prinzipien geprägt sind.

Methodisch verbindet das Projekt partizipative Feldforschung und Beobachtungskino mit einer innovativen Film-im-Film-Struktur. Die Protagonist*innen werden nicht nur beobachtet, sondern auch aufgefordert, eine fiktive Erzählung mitzugestalten und ein paralleles Drehbuch zu entwickeln, das ihre Zukunftsvorstellungen dramatisiert. Dieser Prozess wird durch eine dezentrale autonome Organisation (DAO) organisiert, die sowohl als konzeptionelle als auch als operative Infrastruktur dient. Die DAO ermöglicht es den Teilnehmer*innen, die kreative Richtung kollektiv vorzuschlagen, abzustimmen und zu gestalten, indem sie die Blockchain-basierte Entscheidungsfindung in die Produktion einbettet. Mit diesem Ansatz wird untersucht, wie dezentralisierte Modelle in kollaborativen künstlerischen Kontexten funktionieren könnten und wie sie die Governance-Experimente innerhalb der Langlebigkeitsgemeinschaft widerspiegeln.

Der fertige Film wird mit Hilfe von veralteten Kryptowährungs-Mining-Rigs gezeigt, die als Medienplayer umfunktioniert wurden. Jede Anlage steuert ein Fragment des Gesamtvideos bei, was zu einer fragmentierten Wiedergabe, Stottern und unterschiedlicher Bildqualität führt. Die Rigs kommunizieren über ein lokales Netzwerk und fügen alle von den einzelnen Geräten verarbeiteten Daten zusammen. Dieser Präsentationsmodus verdeutlicht das Zusammenspiel zwischen spekulativen technologischen Visionen und materiellen Infrastrukturen.

Betreuer: Prof. Simon Denny (HFBK Hamburg) und Prof. Dr. Steffen Köhn (Universität Aarhus)

Maria Ignatenko: In Praise of the Whip* +

In Praise of the Whip* ist eine künstlerische Erkundung, die filmische Praxis, Filmtheorie und Sozialarbeit umfasst. Es erforscht Möglichkeiten der radikalen Neukonfiguration von erotischer Erregung, Imagination und Transgression durch eine ästhetische und politische Linse. Der Schwerpunkt der künstlerischen Forschung liegt auf der Erfahrung des Körpers als „Oberfläche“, in die Spuren von Landschaften, politischen Handlungen und intimen Wunden eingeschrieben sind. Diese Spuren erfordern eine genaue Untersuchung. Sie enthalten mehr Beweise als jedes Archiv und mehr artikulierte Empfindungen als jedes Geständnis.

Diese Erfahrung ist für jedes Individuum einzigartig und an das Geheimnis des eigenen Körpers gebunden. Maria Ignatenko untersucht, wie radikale Materialität und Körperlichkeit zu einem Bild des Films werden können. Sie fragt, ob es möglich ist, einen filmischen Raum zu schaffen, in dem die transgressive Erfahrung des Körpers durch die Arbeit der Imagination verortet und transformiert werden kann. Wie man eine Brücke schlagen kann zwischen der narrativen Struktur des Films und dem erotischen Begehren in seiner affektiven, rebellischen, unstrukturierten, aber intimen Form. Im Rahmen ihres Promotionsprojekts untersucht sie, wie sich der Körper verändert, wenn er mit verschiedenen sozialen, kulturellen und politischen Landschaften konfrontiert wird. Sie interessiert sich für die Erfahrung eines Körpers, der sich im Spannungsfeld zwischen Wunsch und Unmöglichkeit seiner Verwirklichung befindet.

Einer der Hauptteilnehmer an ihrem Projekt, Lertulo (was auf Esperanto „eine Person, die alles kann“ bedeutet), ist eine nicht-binäre Person, Bauunternehmer*in und ein Model. Lertulo konstruiert und transformiert ihren/seinen Körper durch Interaktionen mit Baumaterialien, die ihr/ihm außergewöhnliche körperliche Kraft abverlangen. Diese Materialien formen Lertoulo buchstäblich, ebenso wie die politische Landschaft, die ihre eigene repressive, einschränkende Rolle spielt. Auf der anderen Seite hat Lertulo als Schauspieler*in und Model eine ganz andere virtuelle Erfahrung, die keine materielle Komponente hat. Als Filmemacher ist es eine Erfahrung, einen anderen Menschen in seiner Andersartigkeit, in seiner radikalen Getrenntheit wahrzunehmen. Was bietet diese virtuelle (filmische) Erfahrung für Lertulo? Und wie kann sie im Rahmen unseres kollaborativen Prozesses analysiert werden

Betreuerin: Prof. Adina Pintilie (HFBK Hamburg)

Michal Baror: The ethical and poetical healing potential of the photographic—ethnographic archive. The case of the ‘The Man and His Work Center’ at Eretz Israel Museum. +

Dieses Projekt zielt darauf ab, eine umfassende Untersuchung der Machtdynamik zu entwickeln, die mit den Prozessen des Sammelns, Archivierens und Präsentierens historischer und ethnographischer Nomadenfotografien einhergeht und die direkt oder indirekt das nationale und koloniale Bewusstsein prägt. Die Erkundung historischer Sammlungen durch das Prisma des Siedlerkolonialismus ermöglicht es ihr, verborgene Geschichten zu sehen, die kollektiven Erinnerungen und unsere Gegenwart heimsuchen.

Der Forschungsgegenstand dieses Projekts ist die ethnografische Fotosammlung, die im „Man and His Work Center“ des Eretz Israel Museums untergebracht ist. Die Sammlung umfasst Fotografien von Arbeiter*innen, traditionellen Werkzeugen und ethnografischen Objekten, von denen die meisten einheimische Palästinenser abbilden – eine Tatsache, die in der Sammlung oder den Exponaten nicht anerkannt wird. Auf diese Weise tragen das Museum und die Sammlung gleichzeitig dazu bei, ein zionistisches Narrativ vom Aufbau des Staates oder von der „Rückkehr zur Bearbeitung des Landes“ zu konstruieren, während die Erzählungen der früheren Bewohner*innen dieses Landes, der palästinensischen Landarbeiter*innen, ausgeblendet und zum Schweigen gebracht werden.

Michal Baror konzentriert sich auf die Fotografie als ein Objekt, das für mehrere Interpretationen offen ist – in Bezug auf das Thema, die Materialität, die Katalogisierung und den Status im Museum. Sie erforscht, wie Fotografien, die für einen einzigen Zweck geschaffen wurden, tatsächlich eine Vielfalt von Geschichten und Kulturen bewahren können. Das heißt, wie die Fotografie, die für die koloniale Erzählung herangezogen wurde, durch eine neue Lesart auch die indigene Geschichte erzählen kann.

Sie schlägt einen vielschichtigen Ansatz für diese Untersuchung vor. Dazu gehört die Durchführung von Forschungsarbeiten, die das „Man and His Work Center“ und seine Sammlungen mit Hilfe kolonialistischer Theorien kritisch lesen und so die doppelte Erzählung von der Bewahrung und Auslöschung der palästinensischen Agrarkultur thematisieren. Parallel dazu wird sie ein Dokumentationsprojekt durchführen, um den Katalogisierungsprozess von Kurator*innen zu erfassen, die mit unkommentierten Fotokisten arbeiten. Die Bearbeitung wird die Diskrepanzen zwischen den Bildern und den ihnen auferlegten Erzählungen hervorheben und hinterfragen, wie Archive Wissen konstruieren. Und schließlich möchte sie, obwohl die Sammlung in einem zionistischen Museum untergebracht ist, einen Ausstellungsraum konzipieren, der es ermöglicht, die Sammlung verschiedenen Erzählungen und Forscher*innen zugänglich zu machen, sei es offiziell oder als Pirat. Durch diese Strategien will die Forschung nicht nur verborgene Geschichten aufdecken, sondern auch den Dialog zur Versöhnung mit den Traumata der Vergangenheit als Mittel zur Heilung fördern.

Betreuer*innen: Prof. Omer Fast (HFBK Hamburg) und Dr. Hagit Keysar (Bezalel Academy Bethlehem)

[1] Areej Sabbagh-Khoury, Colonizing Palestine: The Zionist Left and the Making of the Palestinian Nakba, Stanford Studies in Middle Eastern and Islamic Societies and Cultures, Stanford University Press, 2023.

Pablo Torres Gómez: Volumetric Ecophonies. Desedimenting Echoes in Deep Time +

„(…) diese Stimmen sind in der Tat Sedimente, die wir auskultieren und ausgraben, in Frage stellen und umstürzen sollen, [die] nicht nur das Fortbestehen der Vergangenheit offenbaren, [sondern auch] ihre Anhäufung in einer Zukunft, die jetzt mit uns beginnt“⁠ ⁠–⁠ ⁠Kristina Rivera Garza, Escrituras Geológicas, 2022 [1]

Wenn man die Geologie als eine Form des Schreibens über die Erde begreift, erkennt man sie nicht als ein Feld der neutralen Beschreibung, sondern als eine Art der Einschreibung – eine, die die materielle Realität, die zeitliche Erfahrung und das Leben auf dem Planeten durch spezifische Macht- und Wissensregime organisiert.

Wie Kathryn Yusoff argumentiert, hat die Klassifizierung von Materie historisch durch geografische Dislokation funktioniert, die Land, Ort und Persönlichkeit von ihren relationalen Verflechtungen trennt [2]. In diesem Sinne sind die Ursprünge der Geologie (und ihre Konsolidierung als koloniale und rassifizierte Praxis) untrennbar mit einem Regime materieller Macht verbunden, das Extraktion, Enteignung und Siedlermodi der Landaneignung untermauert. Was also sind die materiellen Schreibpraktiken der Geologie, und wie haben sie zur Auslöschung anderer Formen der planetarischen Sinngebung beigetragen? Wie können wir über die ökologischen Ursprünge politischer Gewalt nachdenken, indem wir untersuchen, wie die Geologie bestimmte Erden einschreibt und andere verdrängt? Wie können wir beginnen, uns mit den unterdrückten Relationalitäten, Zeitlichkeiten und territorialen Imaginationen zu beschäftigen, die die Geologie zum Schweigen gebracht hat?

In Anlehnung an Cristina Rivera Garzas Praxis der Entlandung ist Volumetric Ecophonies ein Prozess der Verunsicherung und des Verlernens der modernen geologischen Vorstellungswelt. Dies geschieht durch die Auseinandersetzung mit dem Unterirdischen als einem Raum, in dem zum Schweigen gebrachte Stimmen und marginalisierte Vorstellungen durch die Beständigkeit der Materie als sedimentierte Zeitlichkeiten fortbestehen. Es handelt sich dabei um Erfahrungen von Vergangenheit und Zukunft, die Möglichkeiten für relationale Formen der Koexistenz jenseits der flachen Ebene der Geologie bieten. Durch die Arbeit an translokalen Geografien – insbesondere zwischen Deutschland und dem so genannten „Bergbaukorridor“ im Norden Kolumbiens – folgt der Prozess den Bahnen und Reibungen von Kohle, Kupfer und Gold. Als Erweiterungen und wilde Agenten unterirdischer Beziehungen tragen diese Mineralien das Gewicht von Abbau, Vertreibung und umstrittenem ökologischen Leben.

Volumetric Ecophonies entlehnt den Begriff der Ökophonien aus der alten medizinischen Praxis der Auskultation, bei der die inneren Resonanzen des Körpers durch die Modulation der Stimme wahrgenommen werden. Der Prozess stellt klangbasierte Schnittstellen her, die das Zuhören als Medium für die irdische Sinnfindung vorschlagen und den Austausch mit den materiellen, affektiven und politischen Formationen, die durch extraktive Regime zum Schweigen gebracht werden, auskultieren und aktivieren. Auf diese Weise verlagert sich das Engagement von der Logik der Quantifizierung zu Modi der Resonanz, die der reibenden, porösen und voneinander abhängigen Dynamik, durch die die unterirdische Erde erklingt, Aufmerksamkeit schenken und sich auf sie einstellen.

Betreuerinnen: Prof. Rajkamal Kahlon (HFBK Hamburg) und Prof. Dr. Yvonne Wilhelm (ZHdK)

[1] Cristina Rivera Garza, Escrituras Geológicas, Iberoamericana, 2022, S. 14

[2] Kathryn Yusoff, A Billion Black Anthropocenes or None, Minneapolis: Minnesota University Press, 2019, S. 2.

Ruixin Liu: conversational objects +

Ruixin Liu beginnt mit der Organisation von Workshops, die negative Affekte und Emotionen als Leitfaden nutzen, um das zu erforschen und zu untersuchen, was oft vermieden wird, wobei minoritäre Perspektiven, insbesondere aus einer queer-feministischen Sichtweise, im Vordergrund stehen, während eine gemeinsame Basis beibehalten wird. Der Ausgangspunkt des Workshops ist die Scham. Auf individueller Ebene ist Scham ein Affekt, der Menschen daran hindert, sich zu äußern; in einem größeren Rahmen vermittelt Scham zwischen dem Selbst und der Gemeinschaft. Sie ist ein unvermeidlicher Teil des Identifikationsprozesses. In diesem Sinne kann sie als ästhetisches Instrument zur Neuverhandlung des Konsenses eingesetzt werden. So hat sie das Potenzial, den Raum neu zu organisieren und neu zu definieren, was der Raum beinhalten kann.

Die Workshops sind eine Antwort auf ihren persönlichen Wunsch, über die Grenzen privater Gespräche mit Freund*innen hinauszugehen, die durch begrenzte Ressourcen und Grenzen eingeschränkt sind. Indem sie diese privaten Gespräche zu Workshops ausweitet und mit Gemeinschaften in ganz Deutschland und darüber hinaus zusammenarbeitet, können neue Perspektiven aufgedeckt werden. In den Workshops analysieren die Teilnehmer*innen die Funktionsweise von Macht, arbeiten sich durch verinnerlichte Unterdrückung und Zynismus, hinterfragen konventionelle Vorstellungen von Differenz als trennend oder als Entschuldigung für die Aufrechterhaltung des Status quo und stellen die Vorstellung in Frage, dass der dadurch entstehende Konflikt notwendigerweise sehr intensiv und störend ist.

Die Workshops öffnen einen Raum für Verbündete und zielen darauf ab, echte Hoffnung und Ermächtigung wiederherzustellen. Einige Workshops werden dokumentiert, um die Energien der Workshops einzufangen. Diese Dokumentation bietet eine neue Vision von Empowerment – eine, die körperliche Erfahrungen und Emotionen als Ausgangspunkt für Wissen anerkennt. Sie dient auch als Reflexionsinstrument und gibt dem, was im Workshop diskutiert wurde, eine weitere Gelegenheit, verarbeitet zu werden.

Auf der Grundlage des Dokumentarfilmmaterials werden andere Medien wie 3D-Animationen hinzugefügt, um eine subjektive Ebene einzuführen, die übersehene Empfindungen in gemeinsames Wissen verwandelt. Generell ist Ruixin Liu daran interessiert, einen offenen Prozess und Raum für das Denken und Fühlen mit anderen zu entwickeln, in dem Reflexion strukturell ermöglicht wird – in dem Gemeinschaftsarbeit mit dem Persönlichen verbunden werden kann, die Grenze zwischen partizipatorischer Erfahrung und kollaborativer Erfahrung verwischt wird und transformative Erfahrung kommuniziert und damit ermöglicht werden kann.

Betreuer*innen: Prof. Rajkamal Kahlon und Prof. Dr. Jesko Fezer (beide HFBK Hamburg)

Tang Han: Rhizoming Wind +

Rhizoming Wind konzentriert sich auf die Pflanze Gastrodia elata, um zu erzählen, wie Wissen, Pflanzen, Klima und Körper aufeinander treffen. Gastrodia elata ist ein saprophytisches, mehrjähriges Kraut aus der Familie der Orchideengewächse (Orchidaceae), das sich durch das Fehlen von Wurzeln und grünen Blättern auszeichnet und daher keine Photosynthese betreiben kann. Stattdessen überlebt sie in Symbiose mit dem Pilz Armillaria mellea und ist darauf angewiesen, dass die Pilzhyphen in verrottendes Holz eindringen und die für ihr Überleben notwendigen Nährstoffe liefern.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird das Rhizom von Gastrodia elata seit Jahrhunderten zur Behandlung von „Windkrankheiten“ wie Schlaganfällen, Kopfschmerzen und anderen neurologischen Störungen eingesetzt. Der Wind gilt als das schwer fassbare und mobile der Sechs Übel, das sich oft mit anderen Elementen verbindet und windbedingte Krankheiten verursacht. Wie können wir diesen mehr als allgemeinen „Wind“, der sich im Körper befindet, verstehen und definieren? Aus einer grundlegenden TCM-Perspektive wird der menschliche Körper als ein offenes System betrachtet, das ständig mit der äußeren und inneren Umgebung in Wechselwirkung steht. Er wird als Black Box betrachtet – er empfängt Eingaben und erzeugt Ausgaben –, wobei die Interaktionen mit der Umwelt ein komplexes, dynamisches System bilden, eine Art kybernetischer Mechanismus. Bereits im Huangdi Neijing, wörtlich dem Inneren Kanon des Gelben Kaisers, werden die „Fünf Bewegungen und Sechs Qi“ erwähnt, eine Theorie, die Klima und periodische Lebenszyklusphänomene miteinander verknüpft und Natur, Menschen und Krankheitsmechanismen miteinander verbindet – Klima, Phänologie und Syndrom werden gegenseitig gefördert.

Inspiriert von Deleuze` und Guattaris Konzept nicht-hierarchischer, miteinander verbundener Wissenssysteme, verfolgt diese Untersuchung die imaginative Flugbahn des Windes durch eine rhizomatische Methodik. Sie untersucht, wie diese äußere Kraft in den menschlichen Körper eindringen und sein inneres Gleichgewicht stören kann und wie pflanzliche Interventionen – wie Gastrodia elata – dabei helfen können, sie zu vertreiben. Es geht auch um das dynamische Gleichgewicht zwischen dem inneren (Körper) und dem äußeren (Klima) Umfeld. Anstatt nach spezifischen Zielen, Behandlungen und Therapien zu suchen, wie könnten wir systemische, ganzheitliche oder präventive Ansichten und Denkweisen als Strategien zur Abwendung von Krisen in den Mittelpunkt stellen?

Wie Donna Haraway in ihrem Buch Staying with the Trouble formuliert: „Es kommt darauf an, welche Dinge wir nutzen, um andere Dinge zu denken; es kommt darauf an, welche Geschichten wir erzählen, um andere Geschichten zu erzählen; es kommt darauf an, welche Knoten Knoten knüpfen, welche Gedanken Gedanken denken, welche Beschreibungen Beschreibungen beschreiben, welche Bindungen Bindungen knüpfen. Es kommt darauf an, welche Geschichten Welten schaffen, welche Welten Geschichten schaffen.“

Betreuerinnen: Prof. Angela Bulloch (HFBK Hamburg) und Prof. Dr. Sophie Witt (Universität Hamburg)

Viki Kühn: Violence Against Women—Trauma Processing in Art and Film +

Viki Kühn untersucht die Darstellung und Verarbeitung von Gewalt gegen Frauen in bewegten Bildern, mit besonderem Fokus auf traumatische Erfahrungen in intimen Beziehungen. Mein Ziel ist es, zu untersuchen, wie künstlerische Medien genutzt werden können, um Traumata sichtbar zu machen und neue Wege der Kommunikation zu eröffnen. Ich untersuche, wie Authentizität und Rekonstruktion zur Traumabearbeitung beitragen und welche Möglichkeiten das Nachstellen realer Erfahrungen für die Neuinterpretation der Vergangenheit bietet. Ein zentrales Anliegen meiner Arbeit ist es, die physischen und psychischen Auswirkungen von Gewalt sichtbar und erfahrbar zu machen. Ich setze mich kritisch mit gängigen Vorstellungen von Heilung sowie körperlichem und seelischem Wohlbefinden auseinander und hinterfrage, wie diese Konzepte in einer sich stark verändernden Gesellschaft erweitert und überdacht werden können. Ich verstehe Gesundheit nicht nur als einen medizinischen Zustand, sondern als ein kulturell geprägtes und komplexes Konzept. Mein interdisziplinärer Ansatz verbindet Filmpraxis mit theoretischer Reflexion und zielt darauf ab, künstlerische Räume zu schaffen, in denen traumatische Erfahrungen aufgearbeitet und neu verhandelt werden können. Durch diese Perspektive versuche ich, neue Rahmen zu entwickeln, die die oft verborgenen Spuren von Gewalt gegen Frauen aufdecken und zu einem breiteren Verständnis von Gesundheit beitragen. Darüber hinaus interessiere ich mich dafür, wie die Kunst⁠ ⁠–⁠ ⁠insbesondere der Film⁠ ⁠–⁠ ⁠gesellschaftliche Machtstrukturen und tief verwurzelte Systeme der Gewalt gegen Frauen thematisieren kann. Mein Ziel ist es, ästhetische und diskursive Räume zu eröffnen, in denen Wunden ohne Ausbeutung benannt werden können und in denen Heilung als ein offener, vielschichtiger Prozess verstanden wird. Mit diesem Forschungsprojekt möchte ich das Bewusstsein für die Auswirkungen von Gewalt gegen Frauen schärfen und gleichzeitig künstlerische Ausdrucksformen stärken, die über die bloße Dokumentation hinausgehen und ein transformatives Potenzial besitzen.

Betreuerinnen: Prof. Angela Schanelec und Prof. Adina Pintilie (beide HFBK Hamburg)