Niklas Luhmann (1961–1997), ZK II Zettel 9/8g (undatiert); in: Universität Bielefeld / Niklas-Luhmann-Archiv (2021)
Schreiben lernen
Martin Karcher hinterfragt in seinem Beitrag die Institutionalisierung des Schreibenlernens und kritisiert dominante Modelle, die Schrift als sekundär, formal und am Literaturbetrieb orientiert behandeln. Er skizziert alternative Zugänge, die Schreiben als operative, räumliche und materielle Praxis des Denkens verstehen
“Ich kann es nur nicht verhindern, wenn ich so schreibe, wie ich schreibe.”1
Ob sich derzeit die Institutionalisierung eines neuen Felds abzeichnet, ist nicht sicher.2 Zweifelsohne ist jedoch ein gesteigertes Interesse an writing as artistic practice bemerkbar. Sowohl als Zaungast als auch als Teilnehmer sind mir im Zuge dieser Konjunktur einige Dinge aufgefallen: begriffliche Leerstellen, die Annahme der Sekundarität von Schrift, eine Marginalisierung der Operativität, Materialität, Räumlichkeit und diagrammatischen Dimension von Schrift sowie die Orientierung an Produktions- und Legitimationsmodellen des Literaturbetriebs.
Meine Erkundung zum Thema Schreiben lernen arbeitet mit folgenden Erfahrungen und Wissensbeständen: Erstens, schreibe ich (auch jetzt gerade) und habe dabei ein reflexives Interesse: Was mache ich, wenn ich schreibe?3 Zweitens erziehungswissenschaftliche Lern- und Machttheorien, insbesondere Kritiken eines positivistischen Reduktionismus, Phänomenologie sowie Theorien zur Performativität von Sprache bilden die Zugänge dieser Reflektion. Zum einen ist dieser erziehungswissenschaftliche Zugriff sensibel für die Differenz zwischen Schreiben lernen als Form der Abrichtung (Erziehung), das heißt der Disziplinierung und Einpassung in ein bestehendes System und Schreiben lernen als Befähigung (Bildung), also die Möglichkeit einer Überschreitung des Bestehenden. Zum anderen erlaubt er es, die subjektivierende Dimension des Schreibens (beispielsweise Praktiken des Tagebuch-Schreibens) in den Blick zu nehmen.
Ausgangspunkt für diese Erkundung sind drei Szenen, die alle um die Unveränderbarkeit des Schreibens kreisen und somit dessen Pädagogisierbarkeit problematisieren. Aufbauend auf dieser Spannung von Unverfügbarkeit und Lernbarkeit skizziere ich im zweiten Teil mögliche Zugänge und Bedingungen zum Schreiben lernen.
Erste Szene: Im Jahr 1925 hält Gertrude Stein fest: „I am writing for myself and strangers. This is the only way that I can do it.“4 1936, also elf Jahre später, kommentiert sie diese Bestimmung in einem Vortrag wie folgt: “I once wrote in writing The Making of Americans I write for myself and strangers but that was merely a literary formalism for if I did write for myself and strangers if I did I would not really be writing because already then identity would take the place of entity.”5 Stein korrigiert hier ihre Position und setzt Schreiben, Publikum und Autor*innenschaft in ein neues Verhältnis. Im Zuge dessen markiert sie die Unterscheidung zwischen publikumsbezogenem (“identity” und folglich “not really writing”) und echtem Schreiben (“entity”). Echtes Schreiben ist für sie folglich ein Schreiben, das kein Publikum mitführt.
Zweite Szene: In einem Interview beschreibt Jacques Derrida sein Schreiben als Erkundung von bestehendem und neuem Terrain (des Denkens), dabei erfordert letzteres Mut und Bereitschaft zur Aggression, da es immer Gefahr läuft, andere vor den Kopf zu stoßen, weshalb er nachts manchmal ängstlich zweifelnd im Bett liegt und sich denkt: “You’re crazy to write this.” Aber das Problem ist, dass es nun mal nicht anders geht: “I must write as I write.”6
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Dritte Szene: In seiner Antrittsvorlesung „Leben und Schreiben – Der Existenzauftrag der Schrift“ hält Rainald Goetz fest: “Schreiben heißt veröffentlichen, zuerst vor sich selbst. Das in einem Befindliche, die Wahrnehmungen und Gedanken, treten dem Schreiber im Geschriebenen offen sichtbar, klar fixiert gegenüber, erst dort kann er die Worte, die bisher nur in ihm waren, als gedachte oder gehörte, auch wirklich SEHEN. Der Schreiber schaut die von ihm geschriebenen Worte an und liest sie. Dauernd liest der Schreiber das von ihm Geschriebene: was steht da? Was heißt das? Ist das, was das Geschriebene bedeutet, das Gemeinte? Ist es das, was man hatte sagen wollen?”7
Zunächst ist das eine Absage an Steins Idee des echten Schreibens (“entity”), da jedes Schreiben ein Publikum hervorbringt, auch wenn es “lediglich” das eigene lesende Ich ist. 8 Sowohl das schreibende als auch das lesende Ich sind Resultate gesellschaftlicher Verhältnisse und die Freiheitsgrade des Schreibens sind schwer ressourcenabhängig.9 In ebendieser Vorlesung formuliert Goetz zudem eine scharfe Kritik an tradierten, institutionalisierten Ansätzen des Schreiben lernen, konkret der Schreibwerkstatt: “‘Nachwuchsschriftsteller’: das gibt es gar nicht. ‘Literarische Werkstatt’: falsch. Literatur wird nicht in der Werkstatt gemacht, sondern im Kopf. Der Kopf ist KEINE Werkstatt. Die Literatur ist KEIN Handwerk. Diese Vorstellungen sind Blödsinn und führen ganz praktisch in der Realität, an den verschiedenen Schreibschulen, in die IRRE. Alles, was Handwerk ist am Schreiben, ist komplett egal. Die Leute, die das professionell lehren, erklären dann immer, das Eigentliche am Schreiben kann man sowieso nicht lehren und lernen, deshalb beschäftigt man sich von vorneherein mit nachgeordnetem Schwachsinn, der Irrelevanz des formal Lehr-und Lernbaren.”10
Ob nun Steins “This is the only way that I can do it”, Derridas “I must write as I write” oder Goetz’ Kritik an der “Irrelevanz des formal Lehr- und Lernbaren”: die Schreibenden stellen die Möglichkeit anders zu schreiben in Frage und rufen grundsätzliche Fragen der Pädagogisierbarkeit des Schreibens auf. Wie kann vor diesem Hintergrund Schreiben lernen im künstlerischen Feld gedacht werden?
Was ein Curriculum des Schreiben lernen im künstlerischen Feld umfassen müsste, kann hier nicht dargelegt werden, dafür bräuchte es andere Ressourcen. Es können jedoch vier mögliche Einsatzpunkte ausgewiesen werden.
1. Formale Bestimmungen liefern in der Postmoderne keinen festen oder sinnvollen Halt mehr.11 Indem aber formale Bestimmungen als historisch, machtförmig und praktisch hergestellte Grenzziehungen untersucht werden12 , lassen sich die Bedingungen ihrer Geltungsansprüche ebenso analysieren wie ihre mögliche Überschreitung. Diese Perspektivverschiebung führt zu einer Phänomenologie des Schreibens und zu einer Untersuchung der Praktiken13 , in denen Schreiben erfahren, ausgeübt und hervorgebracht wird: „Was Schrift ,ist’, zeigt sich in ihrem Gebrauch.“14 Und weil sich Schrift in ihrem Gebrauch zeigt, verschiebt sich die Aufgabe der Begriffsarbeit vom Definieren zum Verhältnisbestimmen. Begriffe wie Schreiben, Text, Schrift oder Autor*innenschaft sind nicht vorauszusetzen, sondern in ihren Relationen neu zu bestimmen.
2. Auf einer seiner zahllosen Karteikarten vermerkt der Soziologe Niklas Luhmann: „Hinter der Zettelkastentechnik steht die Erfahrung: Ohne zu schreiben kann man nicht denken – jedenfalls nicht in anspruchsvollen, selektiven Zugriff aufs Gedächtnis voraussehenden Zusammenhängen.”15 In Luhmanns Schreibpraxis realisiert sich eine Theorie des Schreibens, innerhalb der Schreiben die Infrastruktur des Denkens ist, das heißt im Zusammenhang mit der Ausbildung einer Form des Denkens steht, die sich über externe Spuren organisiert16 . „Dicke Bücher“ gehen aus dieser Praxis als nachgeordnete Form hervor. Luhmann macht hier die Operativität des Schreibens deutlich: Schreiben ist die Bedingung der Möglichkeit und nicht das nachträgliche Ausdrucksmedium bereits vollzogenen Denkens. An diese Verschiebung schließt sich ein Verständnis von Schrift als Wahrnehmungs- und Operationsraum an. Wie Sybille Krämer betont, können im Schriftbild „Sehen und Verstehen, Manipulieren und Begreifen auseinandertreten“; Schrift wird damit zu einem Medium geistiger Arbeit, das „weniger der Kommunikation, denn der Kognition“17 dient und sich durch die Wechselwirkung von Wahrnehmbarkeit und Operativität auszeichnet.
Niklas Luhmann (1961–1997), ZK II Zettel 9/8g (undatiert); in: Universität Bielefeld / Niklas-Luhmann-Archiv (2021)
3. Notationen, Formeln, Diagramme, Codes oder Programmiersprachen zeigen, dass Schreiben Dinge im Raum anordnen und Beziehungen sichtbar machen kann. Kurz: Schreiben ist eine räumliche Praxis, und Schrift ist Textur, ein Gewebe räumlicher Relationen, sie arbeitet mit der Zweidimensionalität und Simultaneität eingeschriebener Flächen.18 Schreiben operiert sowohl diskursiv als auch über sichtbare Anordnungen und relationale Konfigurationen. Es vollzieht sich als Praxis des Ordnens, Kartierens und Konfigurierens von Relationen und ist nicht reduzierbar auf Satzproduktion oder Bedeutungsartikulation. Exemplarisch formulieren Deleuze und Guattari Schreiben als Kartographie: „Schreiben hat nichts mit Bedeuten zu tun, sondern mit Landvermessen und Kartographiern, auch des gelobten Landes.“19 Dementsprechend bedeutet Schreiben lernen, sich mit den räumlichen, materiellen und operativen Möglichkeiten von Schrift vertraut zu machen.
4. Orientiert sich Schreiben lernen im künstlerischen Feld an den Rationalitäten des Literaturbetriebs, läuft es Gefahr, dessen Produktions-, Bewertungs- und Legitimationslogiken zu übernehmen, die den Blick auf Autor*innenschaft, Werk, Sichtbarkeit und Verwertung verengen. Ein andere Perspektive eröffnet sich, wenn der Blick auf jene theoretischen und künstlerischen Kontexte gerichtet wird, in denen Schreiben bereits reflektiert, verhandelt und weitergedacht wurde: die Literalitätsdiskussion der 1960/70er Jahre, Grammatologie, Sociology of Texts, New Philology, Medienarchäologie, Grapholinguistics, Writing Culture, Materialitäts- und Praxisturns im Schreibenlernen auf der einen Seite sowie Futurismus, Dada, Surrealismus, später Lettrismus, Fluxus, Notation/Score-Praktiken, Konkrete Poesie beziehungsweise „word as image“, Konzeptkunst, bookworks und Conceptual Writing auf der anderen.
- Dietmar Dath, Stehsatz: Eine Schreiblehre, Wallstein Verlag, Göttingen, 2020, S. 7. ↩
- Die engagierten aber institutionell folgenlosen Debatten der Vergangenheit gepaart mit der Geschichtslosigkeit der aktuellen Debatte, lassen zumindest Zweifel daran aufkommen, ob hier tatsächlich von der Ausbildung eines neuen Feldes gesprochen werden kann. ↩
- Erweitert: Was mache ich, wenn ich editiere, lektoriere, annotiere, übersetze oder ghostwrite? ↩
- Gertrude Stein, „What Are Masterpieces and Why Are There So Few of Them?“ (1936), in: Gertrude Stein, What Are Masterpieces,: Pitman Publishing Corporation, New York, 1970, S. 86. ↩
- Gertrude Stein, The Making of Americans, in: Ulla E. Dydo (Hrsg.), A Stein Reader, Northwestern University Press, Evanston, 1993, S. 55. ↩
- Jacques Derrida, “Fear of Writing”, YouTube-Video, 3:47 Min., hochgeladen von jmettes am 23. August 2006, https://www.youtube.com/watch?v=qoKnzsiR6Ss (zuletzt aufrgerufen: 9.1.26) ↩
- Rainald Goetz, „Leben und Schreiben – Der Existenzauftrag der Schrift“, in: Rainald Götz (Hrsg.),wrong. Textaktionen, Suhrkamp, Berlin, 2024, S. 49. ↩
- Deshalb irritiert und erheitert es, wenn Hanne Darboven klarstellt: “Ich schreibe, aber ich lese nicht.” ↩
- Mutig oder nur anders zu schreiben ist deutlich einfacher, wenn viel Kapital vorhanden ist und keine Sanktionen befürchtet werden müssen. ↩
- vgl. Anm.7, S. 60f. ↩
- Peter Osborne, Crisis as Form, Verso, London, 2022 ↩
- Über Schule, Universität und Arbeit hinweg wird Schreiben durch institutionelle Abrichtungen geformt, die auch Maßstäbe des Gelingens und des Scheiterns dauerhaft prägen. (Vgl. Katarina Froebus, „‚Ich hatte Zeit gebraucht, um in meinem eigenen Namen zu denken‘ – die eigene Positionierung innerhalb der Verhältnisse finden und verlernen“, in: Martin Karcher, Severin Sales Rödel (Hrsg.), Lebendige Theorie, Textem Verlag, Hamburg, 2021, S. 87–100.) ↩
- Vgl. Steffen Martus,Carlos Spoerhase, Geistesarbeit. Eine Praxeologie der Geisteswissenschaften, Suhrkamp, Berlin, 2022. ↩
- Sybille Krämer, „Operationsraum Schrift. Über einen Perspektivenwechsel in der Betrachtung der Schrift“, 2005, online verfügbar unter: https://userpage.fu-berlin.de/~sybkram/media/downloads/Operationsraum_Schrift.pdf, S. 21. (zuletzt aufgerufen: 9.1.26) ↩
- Niklas Luhmann, „ZK II Zettel 9/8g“, undatiert, Niklas-Luhmann-Archiv, Zettelkasten II, Version 23 (13. September 2025), Universität Bielefeld, https://niklas-luhmann-archiv.de/bestand/zettelkasten/zettel/ZK_2_NB_9-8g_V ↩
- Jacques Derrida, Grammatologie, übers. von Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler, Suhrkamp, Frankfurt, 1983. ↩
- vgl. Anm. 14 ↩
- vgl. Anm. 14 ↩
- Gilles Deleuze und Félix Guattari, Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie, übers. von Ulrich Johannes Schneider, Merve, Berlin, 1983, S. 14. ↩