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Hand in Hand mit dem Tumor

Hand in Hand mit dem Tumor

Wie lässt sich Krankheit sichtbar machen – jenseits medizinischer Diagnostik, jenseits stereotype(r) Frauenbilder? Die italienische Künstlerin Ketty La Rocca verband in ihrer Bildserie Craniologia (197273) persönliche Erfahrung, künstlerische Sprache und visuelle Kritik zu einer eindringlichen Auseinandersetzung mit Subjektivität, Körper und Verletzlichkeit

Die folgenden Überlegungen führen in die jüngere Kunstgeschichte zurück, aus der heute digitalen in die analoge Bildproduktion. Sie haben weniger mit dem Verhältnis von Gesundheit und Artefakten im Allgemeinen zu tun als vielmehr mit einer einzelnen künstlerischen Position, die Bild, Wortsprache und Krankheit visuell in ein spezifisches Verhältnis gesetzt und dabei nicht über Krankheit, sondern von ihr informiert erarbeitet wurde: Ketty La Rocca, 1938 in La Spezia geboren, starb bereits 1976 in Florenz an den Folgen einer Tumorerkrankung, die 1965 diagnostiziert worden war. Heute zählt die Künstlerin mit ihren Fotografien und Collagen, ihren Skulpturen, Videoarbeiten, Performances und Schriften zu den wichtigen Protagonistinnen der italienischen Neo-Avantgarde und der zeitgleichen feministischen Bildkritik.

Meine Fallstudie gilt Ketty La Roccas Bildserie Craniologia, übersetzt Kraniologie1 von 197273.

Craniologia besteht aus Radiografien ihres Kopfes samt Halswirbelsäule aus unterschiedlichen Perspektiven, die sie mit Aufnahmen von Handhaltungen doppelbelichtet und zudem mit dem sich wiederholenden Wort „you“ beschriftet auf Acrylglas übertrug. Als junge Frau hatte sie in der Radiologie gejobbt; nun arbeitete sie mit medizinischem Untersuchungsmaterial, aus dem Expert*innen auf eine Erkrankung schließen können, während die Bilddokumente für den Laien wenig von der gefährdeten Existenz transparent machen. Denn eine Röntgenaufnahme des Schädels macht Knochenstrukturen sichtbar, „sagt“ aber wenig über sein Inneres aus. Malignes Gewebe von Weichteilen lässt sich eher in einem anderen, zu Beginn der 1970er Jahre entwickelten Bildgebungsverfahren, der Computertomografie (CT), erkennen. So entsteht einerseits der merkwürdige Eindruck, die verschiedenen Handmotive, mit denen Ketty La Rocca den Röntgenfilm überblendete, zeigten das Kopfinnere. Die Formationen der Hand – ein Handteller, ein einzelner ausgestreckter Finger, eine geballte Faust von der Handinnenfläche her gesehen, – sind es, die den Schädel anstelle der Hirnwindungen füllen würden. Andererseits erscheint die knöcherne Hirnschale als Projektionsfläche, als der Ort für Vorstellungen, für Bilder im weiteren Sinn, vielleicht auch für „Bilder“ einer Krankheit. Anders als das Gehirn sind Hände äußerlich, und Gestikulieren spricht eine eigene Sprache (auch jenseits von Gebärdensprache, mit der die Künstlerin sich ebenfalls befasste).

Weder die Verwendung von Händen noch die handschriftliche des „you“ wurden für „Craniologia“ erfunden. Der visuellen Kommunikation mit ihren fotomedialen Bilderzählungen und ihrer Metaphorik hatte Ketty La Rocca schon lange misstraut. Denn das Bild – so der damalige feministische und massenmedienkritische Diskurs – objektifiziere die Frau, zeige sie als Stereotyp. Aber die Künstlerin hatte auch Zweifel am Begriffssprachsystem, wenn sie feststellte: „Für Frauen ist nun nicht die Zeit für Erklärungen. Sie haben zu viel zu tun, und außerdem müssten sie eine Sprache verwenden, die nicht die ihre ist, die ebenso fremd wie feindlich gegen sie ist.“2 Daher die Hände. Hände sind nonverbale Kommunikationswerkzeuge; sie können zeigen, berühren, anpacken. Mittels ihrer lässt sich zählen, rechnen, tippen und schreiben. Schließlich sind Hand und handeln (im Sinne von „tun“) etymologisch miteinander verwandt – was auch Schreiben, poetisches wie theoretisches, zu einer Handlung macht.

Wie bloß lässt sich unter diesen Bedingungen „Ich“ sagen, wie sich in der ersten Person Singular repräsentieren? Insofern galt das „you“ in den 1960er und frühen 1970er Jahren möglicherweise allen Frauen, die versuchten, „das Bild sich selbst gegenüber zu rehabilitieren“3 : Ich bin auch du. Im visuellen Klischee der Frau ist sich die Künstlerin „ein Muster der Entfremdung“4 , wie sie schrieb. Und ist sie sich nicht ebenso ein „Muster der Entfremdung“ im Blick auf das Negativ ihres Hauptes, das von ihr und ihrer Krankheit abstrahiert? Denn auch der Kurzschluss eines radiografierten Schädels mit einem Totenkopf, dem ikonischen Zeichen für die Endlichkeit des Lebens schlechthin, bedient ein Klischee. Die galoppierenden Lettern you, you, you … markieren hier einzelne Schädelstellen samt Halswirbelsäule, und das Du-Echo gibt der Szene eine irritierende Konkretion. Bedenkt man ein Subjekt, das sowohl mit den physischen Symptomen, als auch mit der Imagination und den psychischen Folgen seiner lebensbedrohlichen Erkrankung lebt, erscheint das aufgetragene you wie eine Öffnung einer geschlossen gedachten Körperoberfläche, werden die einzelnen Buchstaben zu Poren. Simuliert der you-Schriftzug beispielsweise die Kontur der Augenhöhlen auf dem hellen Schädelrund, so betont er die Kontaktorgane, die Augen, die nach außen blicken, ebenso aber für eine Innenschau stehen können. Solche Durchlässigkeit liegt nicht im Abgebildeten, der gleichsam versiegelten Schädeldecke und der Hand-als-Gehirn, sie deutet in Richtung des anderen.

Nach Sigmund Freud definiert sich das Ich vor allem als eine Körperoberfläche im Sinne einer „Grenzoberfläche“. Stiftet die Haut den Zusammenhalt der Physis, so das Ich denjenigen der Psyche. Von einem Ich zu sprechen heißt, sich bei allem inneren Erleben von Verwundbarkeit, von Ängsten und Widerständen, die Handeln, Denken und Fühlen prägen, als eine Figur oder Erscheinung wahrzunehmen. Ohne diese Außenrelation und die vermittelnde Oberfläche ist ein Ich nicht zu denken. Während sich das Medium Fotografie an die Außensicht auf Körper und Körperteile, die Hände beispielsweise, hält, durchdringt die Röntgentechnologie diese Grenze, um ihrerseits an der Dichte von festem Material, an den Knochen, abzuprallen.

„Unter die Haut geht“ nun die mehrteilige Serie Craniologia, Ketty La Roccas einzige künstlerische Arbeit, die nicht nur mit einer Ansicht operiert. Überblendet mit einer Handhaltung, wird das unter Haut und Haar Liegende, der Schädel und einige Wirbel, als weißer Schattenriss sichtbar. Damit bleibt die Künstlerin bei einer visuellen Oberfläche, die sich nach außen richtet, bei dem Bild, das sich an jemanden wendet, der es betrachtet, weil sie oder er von ihr „angesprochen“ wird. Schließlich ruft jeder bloße Schädel die Assoziation des Totenkopfs hervor. Aber auch diesem Bild schien Ketty La Rocca zu misstrauen, seinen Symbolwert als Klischee von Vergänglichkeit zu hinterfragen. Hier ist dieses Hinschauen nicht das diagnostische eines Mediziners, die Bildserie richtet sich als künstlerische Artikulation eines Ichs an uns Kunstbetrachter*innen. Ich und Du sind nicht kategorial geschieden, folgen wir Ketty La Roccas Worten: „‘you‘ bedeutet auch ich“5 .

Innen- und Außenwahrnehmung werden miteinander verschränkt oder, wie Judith Butler in Anlehnung an den französischen Philosophen Emmanuel Levinas sagt: „I am only in the address to you.“6 Butler ergänzt: „I am wounded, and I find that the wound itself testifies to the fact that I am impressionable, given over to the Other in ways that I cannot fully predict or control.“7 Denn gerade in der tödlich verlaufenden Krankheit bin ich mir – auch – eine Fremde. Und befremde ich mich nicht, mit Maurice Merleau-Ponty gesehen, bereits darin, mich zugleich als Berührende und Berührte zu erleben? Bei mehreren Bildserien von Ketty La Rocca reicht eine ausgestreckte Hand ins Bild und könnte imaginär ergriffen werden. Aber es gibt auch Hände, die sich selbst berühren. Der Philosoph schrieb: „Berühre ich meine rechte Hand mit der linken, so hat der Gegenstand rechte Hand die Eigentümlichkeit, auch seinerseits die Berührung zu empfinden. […] Drücke ich beide Hände zusammen, so erfahre ich nicht etwa zweierlei Empfindungen in eins, so wie ich zwei nebeneinanderliegende Gegenstände wahrnehme, sondern eine zweideutige Organisation, in der beide Hände in der Funktion der >berührten< oder >berührenden< zu aIternieren vermögen. […] So überrascht der Leib von außen her sich selbst im Begriff, eine Erkenntnisfunktion zu vollziehen […] und zeichnet also ‚eine Art Reflexion‘ auf sich selbst vor.“8

In Craniologia stehen Hand oder Finger sichtlich im Vordergrund, so wie sie aus der Halswirbelsäule herauszuwachsen und auf dem Schädelknochen aufzuliegen scheinen. Die Krankheit lässt sich nicht ertasten, der Tumor sich nicht berühren. Also bleiben die Handgesten ohne einen Gegenstand, eingekapselt wie die Geschwulst im Kopf. In der Doppelbelichtung mit dem Schädel entsteht jedoch visuell ein Hirn-Hand-Interface, und diese metaphorische Überschneidung von Denken und Fühlen wird zusammen mit dem you – Wort für Wort handgeschrieben, wie schon wiederholt betont – zu etwas, das das Individuum sowohl mit sich als auch mit der und dem anderen verbindet. Unter dem Vorzeichen des „-logos“ in Kraniologie, diesem Komplott zwischen Visualität und Begriff, beschriftete Ketty la Rocca ihr individuelles Schicksal, ihre Erkrankung, mit den Zeichen einer Durchlässigkeit für das you, das Du. Wie auch könnte sie sich ihrer selbst in dieser Lebenssituation sicher sein? In Kontext der Frage nach der Subjektivität im unheilbar Kranksein lese und interpretiere ich das Anschreiben und Ansprechen eines Du als ein Bezugnehmen auf einen Körper, dessen Körper-Sein über den singulären Körper hinaus- und vom Geteilten von Körpern ausgeht.

  1. Als insbesondere zu Beginn des 20.⁠ ⁠Jahrhunderts praktizierte Wissenschaft von den stammesgeschichtlichen und ethnischen Unterschieden der Schädelformen hatte die Kraniologie oder auch Schädellehre Anschluss an Anthropologie und Phrenologie. Historisch betrachtet handelt es sich dabei um zwei wissenschaftliche Disziplinen, die mit ihren visuellen, analog fotografischen Untersuchungsreihen die vermeintlichen Beziehungen zwischen Körpern, ihrer Anatomie und psychosozialem Verhalten medizinisch, psychologisch, ethnisch und polizeistaatlich organisiert haben. Archive mit kraniologischem Material beinhalten physiognomische Fotografien, aber auch Schädelformen und Totenmasken, die in ihrer Funktion zu rassifizieren und sozial sowie sexuell zu stigmatisieren eine wesentliche politische Rolle spielten.
  2. Ketty La Rocca, (o. T.), in: dies., Supplica per un’ appendice. Texte 1962-1976, aus dem Ital. von Anna Möller, Archive Books, Berlin, 2012, S. 19.
  3. Ketty La Rocca, You, you, 197273, in: dies., Supplica per un’ appendice. Texte 1962-1976, aus dem Ital. von Katha Schulte, Archive Books, Berlin, 2012, S. 46.
  4. Vgl. ebd.
  5. Ketty La Rocca, You, you, 197273, in: dies., Supplica per un’ appendice. Texte 1962-1976, aus dem Ital. von Elena Zanichelli, Archive Books, Berlin, 2012, S. 47.
  6. Judith Butler, Giving an Account of Oneself, in: Diacritics, Winter 2001, Vol. 31, No. 4, Johns Hopkins University Press, Baltimore, S. 2240, S. 37.
  7. Ebd., S. 38.
  8. Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung (1945; dt. 1966); hrsg. u. übers. von Rudolf Boehm, De Gruyter, Berlin, 1966, S. 116.
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