Senthuran Varatharajah und Sasha Marianna Salzmann im Rahmen des Eröffnungspanels; Foto: Jana Rothe
Schreiben als und in der Kunst
Ein Bericht über das Symposium "In Zukunft schreiben"
Das Symposium „In Zukunft schreiben“ widmete sich der Frage, was Schreiben als künstlerische Praxis heute bedeutet – jenseits des realistischen Romans und des etablierten Literaturbetriebs. In fünf Panels diskutierten Autor*innen, Künstler*innen und Verleger*innen über künstlerisches Schreiben, institutionelle Rahmenbedingungen, Form- und Inhaltsfragen, Widerständigkeit sowie den Umgang mit neuen Technologien wie KI
„Der neue realistische Roman entsteht hier bestimmt Slash hoffentlich nicht“, sagte Enis Maci am Ende des ersten Panels von „In Zukunft schreiben“, einem Symposium, das die HFBK Hamburg vom 3. bis 5. Dezember 2025 ausrichtete und das von einer Ausstellung mit demselben Titel flankiert wurde. Und diese Feststellung Slash Hoffnung, die Essayistin und Dramatikerin Maci da aussprach, beschrieb gleichsam ex negativo das weite Feld, das ein solches Symposium zu erkunden hat, will es sich der Frage annähern: Was bedeutet Schreiben als Kunst bzw. in der Kunst? Zumal ein solches Schreiben ja nicht kontextlos passiert, sondern im konkreten Fall in einer Stadt, die zwar den Hubert Fichte-Literaturpreis vergibt, in ihrer gelebten literarischen Praxis allerdings weit entfernt ist von Fichtes experimenteller Ethnographie oder seiner Strapazierung des Mediums Buch – preisgekrönte Hamburger Gegenwartsautor*innen wie Saša Stanišić, Kristine Bilkau oder Karen Köhler wenden eher etablierte Erzählformen an, die auch beim Publikum hoch geschätzt sind. Seit die Reihe „Hafenlesung“ des Autor*innenkollektivs foundintranslation eingestellt wurde, existiert in Hamburg zudem keine gleichrangige Lesebühne mehr, die sich experimentelleren Ausprägungen von Literatur widmen würde. „Site-specific“ wäre also eigentlich eine Schreibschule à la Leipzig oder Hildesheim, an der die Bestseller von morgen produziert werden könnten. Doch eine Kunsthochschule stellt andere Anforderungen an einen möglichen neuen Studienschwerpunkt, und so haben die Organisatorinnen von Seiten der HFBK Hamburg, Sabine Boshamer und Marlene Kirsten, fünf Panels konzipiert, die für unterschiedliche Aspekte der Ausgangsfragestellung stehen und von denen jedes allein für ein ganzes Symposium getaugt hätte.
Unter der Überschrift „Künstlerisches Schreiben“ berichteten Enis Maci, Cemile Sahin, Sasha Marianna Salzmann und Senthuran Varatharajah aus ihrer literarischen Praxis. Während Salzmann und Maci bekannte Schreibschulen absolviert haben (Salzmann den Studiengang Szenisches Schreiben an der UdK, Maci das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig) und neben der Prosa als Dramatiker*innen höchst präsent sind, studierte Sahin Bildende Kunst in London und Berlin und arbeitet parallel als Videokünstlerin und Schriftstellerin. Varatharajah hingegen ist Philosoph und Theologe und schrieb statt einer Dissertation lieber seinen ersten Roman Von der Zunahme der Zeichen, der 2016 bei S. Fischer erschien. So unterschiedlich die jeweiligen Voraussetzungen des Schreibens also sind, so ähnlich klingt doch die Analyse, die alle vier zur gegenwärtigen Lage des Literaturbetriebs formulieren: Das postmigrantische und queere Jahrzehnt war sehr erfolgreich, ist jetzt jedoch vorbei. Und nun erst werde sich weisen, wie ernst der Betrieb es gemeint hat mit dem Zugang für vordem marginalisierte Stimmen. Salzmann setzt dabei Hoffnungen in die Studierenden, die they heute unterrichtet und als „bessere Ausgaben von uns damals“ wahrnimmt. Varatharajah hat der „wilden Ära“ ohnehin nie ganz getraut. „Ich kann mich nicht an einer europäischen Erzählform orientieren“, konstatiert er, deshalb müsse eine Erzählform her, die mit der Lebensform korrespondiert, und eine Literatur, die Ungehorsam lehrt. Denn solange sich die Form nicht verändere, sondern nur die Autor*innennamen auf dem Cover wechselten, bliebe es weiterhin eine weiße, bürgerliche Literatur. Ob der deutsche Buchmarkt jedoch derzeit willens ist, solche alternativen Erzählformen zuzulassen, scheint in Frage zu stehen. Cemile Sahin schildert die Schwierigkeiten, die Verlage zunächst mit ihrem ersten Manuskript Taxi gehabt hätten, weil es wie ein Drehbuch daherkäme – ein „Formproblem“, das angesichts der Freiheiten, die sich die experimentelle Literatur der Nachkriegsavantgarde nahm, nahezu albern wirkt. Wir waren, was die Akzeptanz ernsthafter Alternativen zum Mainstream der konventionellen Schreibweisen angeht, schon mal weiter. Gleichzeitig droht die Diskussion um die Form schnell fruchtlos zu werden, wenn die beteiligten Akteur*innen unter dem Schlagwort „experimentell“ allzu Unterschiedliches verstehen.
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Möglicherweise sind Formfragen im Moment aber auch gar nicht so entscheidend. Die Künstlerin Hito Steyerl, die ihre Teilnahme an einem der Panels kurzfristig absagen musste, erklärte im November 2025 in einem Interview mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung: „Neue Formen haben wir zur Genüge, aber was zum Teufel soll der neue Inhalt sein? Es ist doch eher so, dass die alten autoritären Inhalte plötzlich in dieser neuen technologischen Form daherkommen. Je weiter die Technologie voranschreitet, desto mehr reaktionäre Strukturen kommen zum Vorschein. Also bitte, wir brauchen neue Inhalte.“ Steyerl verlangt von der Kunst, widerständig zu sein – eine Haltung, die auch die Lyrikverlegerin Daniela Seel antreibt, wie sie beim Panel „Schreiben formen“ erläuterte. Die Gründung von kookbooks im Jahr 2003 begreift sie als Ausdruck „emanzipatorischen Selbermachens“ und als „Dichter*innen-Selbstverteidigung“, inspiriert von den Samisdat-Publikationen, die im Prenzlauer Berg der 1980er Jahre kursierten. Angesichts der gegenwärtigen Ausrichtung des „sogenannten Literaturbetriebs“ würde Seel am liebsten noch widerständiger und vor allem „handwerklicher“ werden.
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Die mal mehr, mal weniger verborgene Kritik, die während des Symposiums am Literaturbetrieb geäußert wurde, lässt sich auch auf die Bildende Kunst übertragen, wie das Panel „Kunst-Kritik“ deutlich machte. Der Hamburger Künstler Steffen Zillig, Mitbegründer des Donnerstag Blogs, wo unter dem Pseudonym Annika Bender von 2010 bis 2014 Ausstellungsbesprechungen erschienen, stellte fest: „Es gab mal eine Zeit, da hatte der Markt Kriterien für gute Kunst, da konnte er Karrieren befördern.“ Heute bringe dieser Markt jedoch nur Stromlinienförmiges hervor. Und die andere „Währung“, die in der Kunst zählte, also Sichtbarkeit in Institutionen oder Beteiligungen an Großausstellungen, würde ebenfalls Stromlinienförmigkeit befördern, nur eben in anderer Verkleidung. Ähnlich wie Daniela Seel kommt auch Zillig zu dem Schluss, man müsse einfach alles selber machen, immerhin bringe das auch am meisten Spaß.
Astrid Mania, Charlie Stein, Steffen Zillig und Noemi Yoko Molitor (v.l.) im Gespräch über die Rolle von Kunst-Kritik; Foto: Jana Rothe
Wie bei den Kolleg*innen aus der Bildenden Kunst gehören auch zur konkreten Praxis von Schriftsteller*innen immer die technischen Bedingungen, mit und unter denen sie arbeiten, also auch die neuen Technologien, deren reaktionäre Inhalte Hito Steyerl so ausdrücklich kritisiert – ein KI-Panel ist? entsprechend zwingend. Dankenswerterweise ging es bei „Art(ificial) Narrative“ nicht um die Risiken und Bedrohungen durch künstliche Intelligenz, die in diesem Kontext als bekannt vorausgesetzt werden können (wobei wir selbstverständlich weiterhin in der Pflicht stehen, darüber informiert und orientiert zu sein), sondern um kreative beziehungsweise subversive Verfahren im Umgang mit ihr. So arbeitet Autorin und Literaturwissenschaftlerin Jenifer Becker zum Beispiel daran, „sich selbst zu deepfaken“, und hat schon ChatGPT mit ihrem Roman Zeiten der Langeweile trainiert. Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss ließ sein jüngstes Manuskript von der KI statistisch analysieren, woraufhin die Maschine ihm eine außergewöhnlich niedrige Wortwiederholungsquote und einen IQ über 130 bescheinigte. Zum Dank forderte er sie dazu auf, das von Georges Perec geschaffene, vermutlich längste Palindrom der Welt aus 1247 Wörtern zu übertreffen – wunderbarerweise musste die KI einräumen, dazu nicht in der Lage zu sein. Bärfuss und Becker treten beide mit einer schwungvollen Mischung aus Reflektiertheit, Angstfreiheit und Humor an die Maschine heran, die zu vermenschlichen sie rigoros ablehnen. Becker nutzt sie nur als „Prozess-Tool“, mit dessen Hilfe es ihr leichter fällt, Entscheidungen zu treffen, Bärfuss möchte ausschließlich Vorgänge an sie delegieren, die ihm selbst keine Freude machen, wie das Durcharbeiten von umfänglichen Gerichtsakten für eine Recherche. Die Gefahr, dass wir alle durch die Nutzung der Sprachmodelle verblöden, sieht er durchaus, auch die Gefahr eines Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlusts von Künstler*innen. Becker wies jedoch zurecht darauf hin, dass es auch heute schon „echt viele schlimme von Menschen geschriebene Texte“ gebe und die polarisierende Annahme „vom Menschen produzierte Texte gleich gut / von der Maschine produzierte Texte gleich böse“ deshalb mehr als fragwürdig sei – für sie steckt darin auch ein überkommener Originalitätshabitus, eine Genie-Vorstellung von Schriftsteller*innen, die sich immer wieder auch in der Behauptung ausdrückt, Schreiben könne man gar nicht lehren.
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Wie sehr allein die Begegnung mit Dichter*innen zu inspirieren vermag, erwies sich beim letzten Panel „As soon as the invited language enters us something else will vibrate in our skin“: Hier vollzog sich Lyrik in absoluter Gegenwart – verkörpert von den Poet*innen Eugene Ostashevsky und CAConrad. Voller Intensität präsentierte Ostashevsky 14 Falling Sonnets, Gedichte als Reflektion über die Gewalt, die in unserer DNA und in unserem Telefon steckt. Im Vorantreiben der Sprache metamorphisieren die Wörter, „palindrome“ wird plötzlich zu „pal-in-drone“, vorher hat uns der Dichter schon das allerschönste Spiegelwort mit nur drei Buchstaben geschenkt: „lol“. Dass Schreiben immer auch aus Lesen kommt, erzählt CAConrad bei einer hingebungsvollen Performance, die zwischen Lecture und Lesung wechselt. Eine Bibliothekarin empfahl them einst einen Gedichtband von Emily Dickinson, CAConrad las ihn wieder und wieder, begann daraufhin, selbst zu schreiben, und stellt heute fest: „Poetry is my prior relationship.“ 2005 verwarf CAConrad alles bisher Verfasste und widmet sich seitdem den „(Soma)tic Poetry Rituals“, um das Schreiben in der Gegenwart zu verankern, Depressionen zu heilen, mit Bäumen und Geistern zu sprechen und die abgebrochene Verbindung zur natürlichen Umwelt wiederherzustellen. Dichter*innen seien die „ugly cousins of the artworld“, sagt CAConrad. Höchste Zeit, diese hässlichen Cousins und Cousinen an die Kunsthochschule zu holen.
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Symposium „In Zukunft schreiben“
3.–5:12.2025
Jenifer Becker, Lukas Bärfuss, Friedrich von Borries, CAConrad, Prof. Jason Dodge, Sophia Eisenhut, Elisa Linseisen, Vera Lutz, Hanne Loreck, Enis Maci, Astrid Mania, Katrin Mayer, Noemi Yoko Molitor, Eugene Ostashevsky, Max Prediger, Cemile Sahin, Sasha Marianna Salzmann, Hito Steyerl, Charlie Stein, Kinga Tóth, Senthuran Varatharajah, Mathias Zeiske, Steffen Zillig
Konzipiert und organisiert von Sabine Boshamer und Dr. Marlene Kirsten (beide HFBK Hamburg)