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Ein moderner Kinosaal mit mehreren Reihen gepolsterter Sitze, einer großen Leinwand vorne und vertikalen Lichtstreifen an den dunklen Wänden.

Kino der HFBK Hamburg im Filmhaus; Foto: Tim Albrecht

Hauptsache Kino

Zur Einweihung des neuen Filmhauses der HFBK Hamburg 2024 sprachen Fatih Akin, Willy Hans, Helke Sander und Angela Schanelec mit dem Filmkritiker und Autor Ekkehard Knörer über die Besonderheiten der Filmlehre an einer Kunsthochschule und die Notwendigkeit des Kinos

Ekkehard Knörer: Es ist mir eine große Freude, dieses Line-up hier zum Gespräch zu haben: vier großartige, eigenwillige Persönlichkeiten des deutschen Films. Ich möchte mich mit meiner ersten Frage an Sie, Frau Sander, wenden. Sie waren von 1981 bis 2001 Professorin für inszenierten Film an der HFBK Hamburg. Zu Ihren Studierenden zählten unter anderem Fatih Akin, Hermine Huntgeburth, Patrick Ohrt, Astrid Proll und Claudia Richarz, deren Langfilm Helke Sander: Aufräumen im März 2024 in die Kinos kam. Ihr bisher letzter eigener Film Mitten im Malestream von 2005, beleuchtet die bis heute wenig bekannten Richtungskämpfe der frühen Frauenbewegung in Deutschland, von der Sie selbst ein Teil waren. Was waren für Sie die wichtigsten Punkte, die Sie an Studierende weitergeben wollten? Wie unterschied sich das von dem, was Sie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) kennengelernt hatten, wo Sie zuerst studiert und dann auch teilweise unterrichtet haben?

Helke Sander: Damals zeichnete sich an der DFFB die Tendenz ab, sich stärker an kommerziellen Aspekten zu orientieren – das wurde immer wichtiger. Am Anfang haben wir einfach das gemacht, was uns selbst interessierte, was oft zu neuen, ungewöhnlichen Formen führte, die aber viele Leute überhaupt nicht ansprachen. Wir sind unseren eigenen inhaltlichen Interessen gefolgt. In Hamburg war das damals noch viel experimenteller geprägt, als ich 1981 an der HFBK Hamburg anfing – das hat mir sehr gefallen. Ich wollte Teil davon sein und die Studierenden ermutigen, ihren eigenen Ausdruck zu finden. Ich finde es großartig, dass es nun endlich ein Filmhaus gibt. Und wenn ich mir vorstelle, wie ich als Professorin darauf reagiert hätte – ich wäre wahrscheinlich zuerst zur Verwaltung gegangen und hätte gesagt: „Ein Kino ist schön, aber es braucht auf jeden Fall eine festangestellte Person, die dafür sorgt, dass es nicht kaputt geht und gut betreut wird.“

Knörer: In den 1990er Jahren tauchte Fatih Akin hier auf, auch in Ihren Seminaren. Es gibt kaum einen bedeutenden Filmpreis, den Sie, Herr Akin, nicht gewonnen haben. Unter anderem 2004 den Goldenen Bären für den Film Gegen die Wand, 2007 erhielten Sie für den Film Auf der anderen Seite den Preis für das beste Drehbuch bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes sowie den Europäischen Filmpreis, 2009 wurden Sie mit dem Spezialpreis der Jury der Filmfestspiele von Venedig für Ihren Film Soul Kitchen ausgezeichnet und 2018 mit dem Golden Globe für den Film Aus dem Nichts. Schon während des Studiums drehten Sie erfolgreich Kurzfilme. Noch bevor Sie Ihr Studium abgeschlossen hatte, waren bereits zwei Langspielfilme fertig. Wie war es, gleichzeitig hier zu studieren und schon mit einem Bein in der Filmwelt zu stehen?

Fatih Akin: Ich war extrem ungeduldig, deshalb habe ich früh den Schritt in die Berufswelt gewagt. Ich wollte Filme machen – doch damals, in den analogen Zeiten mit 16 Millimeter, war das unglaublich schwierig. Heute kann im digitalen Zeitalter jeder mit einem Smartphone Filme drehen, aber damals gab es für alle Studierenden nur zwei Kameras. Man musste sich also gut mit den Professor*innen stellen, um überhaupt eine Chance zu bekommen. Warten war allerdings nicht mein Ding, also bin ich direkt in die Filmwelt eingestiegen. Mein Studium wollte ich trotzdem nicht abbrechen. Zu der Zeit habe ich mich einbürgern lassen und die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen – was großartig war. Doch kaum hatte ich meinen Pass in der Hand, kam die Einberufung. Der einzige Weg, dem zu entgehen, war, Student zu bleiben. Also blieb ich immatrikuliert. Aber das war nicht nur eine pragmatische Entscheidung: Im Nachhinein hat mir das Studium ein großes Geschenk gemacht. Ich hätte Zivildienst machen können, aber ich hatte bereits meinen ersten Spielfilm, Kurz und schmerzlos, in der Produktion – das ließ sich nicht vereinbaren. Besonders spannend wurde es mit meiner Abschlussarbeit. Eigentlich wollte ich über Filmmusik schreiben, aber meine Professorin, Frau Sander, war davon wenig beeindruckt. Sie sagte: „Das interessiert mich nicht. Ich will wissen, wie du über deine Frauenfiguren denkst. Schreib eine Analyse.“ Und rückblickend glaube ich, dass mein Film Gegen die Wand ohne diese Arbeit nie entstanden wäre. Also, vielen Dank dafür!

Sander: Bitte, bitte. Ich würde gerne noch was hinzufügen. Als ich Fatih Akin kennenlernte, war er ein Punk. Und wenn er damals alleine zur Hamburger Filmförderung gegangen wäre, dann hätten die ihn wahrscheinlich gar nicht reingelassen.

Akin: Ich bin immer noch irgendwie ein Punker.

Knörer: Angela, du bist seit 2012 Professorin für narrativen Film an der HFBK Hamburg. Von 1982 bis 1984 hast du zunächst Schauspielerei an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main studiert und hattest danach Engagements am Schauspielhaus Köln, am Thalia Theater Hamburg, an der Schaubühne Berlin und am Schauspielhaus Bochum. Von 1990 bis 1995 hast du an der DFFB Regie studiert. Dein Abschlussfilm Das Glück meiner Schwester wurde 1996 mit dem Preis der deutschen Filmkritik als Bester Film ausgezeichnet. Für Marseille hast du 2004 den Preis der Filmkritik für das Beste Drehbuch erhalten. Dein siebter abendfüllender Film Der traumhafte Weg wurde 2016 mit dem Preis der deutschen Filmkritik für den Besten Schnitt und die Beste Kamera ausgezeichnet. Für deinen Film Ich war zuhause, aber wurdest du 2019 mit einem Silbernen Bären für die beste Regie prämiert. Dein jüngster Film Music erhielt 2023 den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Du hast also den direkten Vergleich zwischen einer Filmhochschule und einer Kunsthochschule, an der Film in Kontakt mit den anderen Künsten gelehrt wird. Wie siehst du das selbst und wie nimmst du das wahr?

Angela Schanelec: Im Grunde ist es genau so, wie Helke Sander schon gesagt hat – die DFFB ist immer kommerzieller geworden. Für mich war das hier eine Chance zu unterrichten. An der DFFB hätte ich das nicht machen wollen, weil ich es nicht sinnvoll finde, sich während des Studiums schon so intensiv mit Redakteur*innen, Sendern, Finanzierungen und Budgets auseinandersetzen zu müssen. Deshalb sehe ich die HFBK Hamburg als Kunsthochschule und Film als Kunst – als eine Möglichkeit, überhaupt über Film nachzudenken und Filme zu machen. Vielleicht hat sich das Ganze in den letzten Jahren noch verstärkt. Die HFBK ist auf jeden Fall ein Freiraum, den man nutzen kann und auch sollte – jetzt sogar noch mehr als früher, gerade durch die technischen Möglichkeiten. Aber natürlich gibt es einen großen Unterschied und das ist das Geld. Film ist teuer, ganz klar. Allein schon durch die Teams, die man braucht, die Zeit, die Drehorte – da entstehen einfach Kosten. Und deshalb ist es umso wichtiger, diesen Freiraum hier zu nutzen und sich nicht sofort in diesen Druck zu stürzen: Wo laufen meine Filme? Wo bekomme ich Geld her? Wie finanziere ich meinen ersten Kurzfilm? Ich halte das für Unsinn. Die Studierenden sind oft noch zu jung, um sich schon so früh mit diesen Zwängen zu konfrontieren.

Knörer: Eine Frage, die sich an Kunsthochschulen ja grundsätzlich stellt, ist: Wie lehrt man etwas, das man eigentlich gar nicht lehren kann? Letztlich geht es ja darum, dass eine eigenständige, eigenwillige, ganz eigene künstlerische Persönlichkeit genau das tut – Kunst. Für die Lehre heißt das, dass man beides gleichzeitig machen muss: einerseits Freiräume lassen und schauen, wohin dieser Freiraum die einzelne Persönlichkeit führt, und andererseits trotzdem auch etwas vermitteln.

Schanelec: Ich weiß nach wie vor nicht, wie ich das beschreiben soll. Es gibt eine Auseinandersetzung mit dem Gegenüber, das Gegenüber sind die Studierenden. Es ist eine Auseinandersetzung zwischen zwei Menschen und die reden und die hören sich zu. Lehre kann ja eigentlich nur bedeuten, aufmerksam zu sein und sich zu interessieren.

Knörer: Das möchte ich auch Sie, Helke Sander fragen. Denn letztlich ist auch so etwas wie „das interessiert mich nicht“ eine Form von Lehre. Weil es bestimmte Wege abschneidet oder zumindest so eng macht, dass man woanders hingehen muss.

Sander: Der Geldmangel ist schon heftig und spielt immer eine Rolle – egal, ob man etwas Experimentelles oder etwas Kleines mit wenig Budget macht oder ob man größere Szenen plant, die viel Geld kosten. Als Lehrende hier ist man irgendwie alles gleichzeitig: Hausmeisterin, Produzentin, Sekretärin – einfach alles. Zumindest war es damals so. Heute ist es ein bisschen professioneller, aber trotzdem hat Angela Schanelec recht: Es gibt hier immer mehr Möglichkeiten, die Fantasie spielen zu lassen. Und genau das finde ich wichtig. Ich bin ein großer Fan davon, nicht gleich riesige Filme zu planen, sondern erstmal mit kleineren anzufangen.

Knörer: Willy Hans, Sie studierten von 2009 bis 2016 an der HFBK Hamburg bei Angela Schanelec und Wim Wenders und Bildhauerei bei Andreas Slominski. Ihr Master-Abschlussfilm Das Satanische Dickicht⁠ ⁠–⁠ ⁠Zwei ist Teil einer Trilogie, der auf zahlreichen internationalen Festivals lief und mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde. Unter anderem waren Das Satanische Dickicht – Zwei und Drei 2015 und 2018 für den Deutschen Kurzfilmpreis nominiert. Das Satanische Dickicht – Zwei wurde 2017 mit dem Berenberg Filmpreis der HFBK Hamburg ausgezeichnet. Ihr jüngster Film und erster Langfilm Der Fleck feierte im August diesen Jahres beim Locarno Film Festival Weltpremiere und erhielt eine lobende Erwähnung im Nachwuchs-Wettbewerb Filmemacher der Gegenwart. Noch während Ihres Studiums gründeten Sie zusammen mit Ihren Kommilitonen Paul Spengemann, Jan Eichberg und Steffen Goldkamp ein Filmproduktionskollektiv. Was war Ihre Motivation für dieses Kollektiv? Was hat Sie drei dazu gebracht? Und vor allem: Was bringt es einem, wenn man Filme außerhalb der Hochschule machen will?

Willy Hans: Das knüpft ein bisschen an das an, was wir gerade besprochen haben – also, was man eigentlich von so einer Institution erwartet und wie sich Kunst oder das Filmemachen überhaupt vermitteln lässt. Für mich war die Hochschule immer ein Ort, an dem ich unterstützt und begleitet werde, in dem was ich machen will. Einer der größten Gewinne aus dieser Zeit war für mich dieser Netzwerk-Gedanke: dass man Leute trifft und kennenlernt – Menschen mit gleichen oder auch ganz unterschiedlichen Interessen – und daraus ein Lerneffekt entsteht. Aus diesem Gedanken heraus haben wir unsere Firma gegründet. Aber natürlich auch, weil wir uns gegenseitig bei unseren Arbeiten geholfen haben. Filme entstehen ja nicht als One-Man-Show – man braucht andere, die einen unterstützen. Diese Erfahrung habe ich während des Studiums gemacht, und so hat sich unsere Gruppe dann auch entwickelt. Alles, was sich daraus später ergeben hat – also, dass man gemeinsam mehr Sichtbarkeit bekommt, auf Festivals oder in der Öffentlichkeit – war eher ein Nebeneffekt. Im Kern ging es darum, sich gegenseitig zu helfen und als Team zusammenzuarbeiten. Das beobachte ich auch bei den aktuellen Studierenden: Man muss ja zwangsläufig miteinander arbeiten – und genau das finde ich an der HFBK Hamburg so toll. Ob man dem dann ein Label als Kollektiv gibt oder nicht, ist eigentlich zweitrangig. Viel wichtiger ist dieses Verständnis für Solidarität, für Teamarbeit und dafür, dass Filme nicht alleine entstehen können. Das ist für mich das Zentrale.

Knörer: Eine Frage habe ich noch an Fatih Akin. Was wären aus Ihrer Sicht die wichtigsten Tipps? Sie haben es ja dorthin geschafft, wo letztlich viele hinwollen. Was kann man hier an der Hochschule am besten mitnehmen, um diesen Weg zu gehen?

Akin: Also erst mal – ich habe es nicht „geschafft“. Und das meine ich nicht kokett oder bescheiden, sondern ganz ernst. Ich glaube, wenn man das Gefühl hat, irgendwo angekommen zu sein, dann ist es eigentlich vorbei – zumindest als Künstler. Ab dem Moment, in dem man sagt: So, jetzt bin ich da, kann man eigentlich aufhören. Quentin Tarantino sagt ja, er will nur zehn Filme machen, weil er dann quasi „angekommen“ ist. Ich denke, das ist auch Marketing für seinen letzten Film, den er noch nicht mal gedreht hat. Ich persönlich habe immer noch das Gefühl, auf der Suche zu sein. Für mich ist das eher wie Martial Arts – etwas, das man sich nicht einfach beibringt, sondern das man erlernen und immer wieder neu erarbeiten muss. Man muss sich auf die Situation einlassen. Die HFBK Hamburg ist auf einem guten Weg, vor allem mit dem Kino. Das Kino ist für mich der wichtigste Ort zum Lernen. Ich habe dort am meisten gelernt, und es ist auch heute noch mein zentraler Bezugspunkt – meine „Kirche“, wenn man so will. Ich mache Filme für die große Leinwand. Klar, manchmal muss man sich fragen: Versteht jemand das auch auf dem Handy oder auf dem Monitor? Aber ich versuche, mich davon freizumachen und immer fürs Kino zu denken. Denn Filme zu konsumieren, Filme zu gucken, ist eigentlich etwas Kollektives – oder sollte es zumindest sein. Kino ist für mich genau das: ein Raum, der voll sein muss, wie eine gute Party. Wenn du eine Party schmeißt und nur zwei Leute sind da, dann ist es keine gute Party. Und genau so sehe ich das Kino. Deshalb finde ich es großartig, dass es hier jetzt ein eigenes Kino gibt. Zu meiner Zeit gab es das noch nicht – und ich bin überzeugt, dass das ein riesiger Gewinn ist.

Schanelec: Ich stimme dir zu, was die Leinwand betrifft. Das neue Kino ist fantastisch und die Filme, die hier an der HFBK gemacht werden, werden für die große Leinwand gemacht. Die besten Filme, die ich gesehen habe, habe ich allerdings nicht in einem vollen Kino gesehen, sondern im leeren.

Akin: Es muss nicht zwangsläufig ein kapitalistischer Gedanke sein, dass jemand in einen Film investiert, Geld – viel Geld. Millionen. Und natürlich gibt es ein Interesse daran, dass dieses Geld sich vermehrt. Aber das ist nicht mein Interesse. Mein Interesse ist es, nach einem Film den nächsten machen zu können. Mein einziges Ziel ist der nächste Film. Dafür muss die Party so laufen, dass genug Leute Eintrittskarten kaufen – damit ich weitermachen kann, damit ich den nächsten Beat liefern kann. Die besten Filme, die ich je gesehen habe, liefen in leeren Kinos. Aber das waren meist alte Filme.

Knörer: Ich habe tolle Filme in vollen und in leeren Kinos gesehen. Und ob voll oder leer, Hauptsache Kino.

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