Paolo Uccello, Das Wunder der entweihten Hostie, Szene: Eine Frau verkauft die Hostie einem jüdischen Kaufmann gegen einen Mantel, Chiesa del Corpus Domini in Urbino; Public Domain
Antijudaismus und Antisemitismus in der Kunst
Eine Ringvorlesung des Studienschwerpunkts Theorie und Geschichte im Sommersemester 2024
Antisemitismus in Kunst und Gesellschaft ist derzeit ein virulentes Thema. Sowohl im Nachklang an die documenta fifteen als auch im Zuge des Angriffs der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem folgenden Krieg im Gaza-Streifen. Aber die Geschichte des Antisemitismus (auch innerhalb der Kunst) ist lang. Der Ringvorlesung ging es deshalb darum, „mit dem Blick in die Geschichte der Kunst etwas über antijüdische und antisemitische Motive und institutionellen Praktiken im Feld vom Mittelalter bis in die Gegenwart zu erfahren“, wie Bettina Uppenkamp (Professorin für Kunstgeschichte an der HFBK Hamburg) zum Auftakt der Reihe deutlich machte.
Und Nora Sternfeld (Professorin für Kunstpädagogik an der HFBK Hamburg) ergänzte: „Die Ringvorlesung möchte den Phänomenen des Antijudaismus und des Antisemitismus anhand ausgewählter Beispiele in ihrer jeweiligen historischen Situiertheit nachgehen und für entsprechende Motive und institutionelle Praktiken sensibilisieren. Es geht um Forschungsergebnisse und den Austausch von Argumenten, die umso überzeugender werden, je mehr wir wissen.“ Ihr Gespräch mit dem Berliner Künstler Leon Kahane eröffnete die Ringvorlesung. Er bezeichnet Antisemitismus als eine „regressive Kulturtechnik“, die anstelle der Lösung von Konflikten die Erlösung vom Konflikt anstrebt. Dies spiegelt ein manichäisches Weltbild wider, das von binären Begriffszuordnungen geprägt und in der völkischen Bewegung des späten 19. Jahrhunderts ideologisch verankert ist. Nora Sternfeld betonte, dass das Werk Rembrandt als Erzieher von Julius Langbehn ein Schlüsseltext in diesem System ist, der das Volk als Gesamtkunstwerk darstellt und dessen Erziehung durch Bilder propagiert. Beispiele für solche erlösungsversprechenden Bilder finden sich auch nach 1945 in der christlichen Kunst, dem Sozialistischen Realismus und der aktuellen Kunst wie in dem Bild von Taring Padi auf der documenta fifteen 2022.
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Bettina Uppenkamp untersuchte in ihrem Vortrag das im Mittelalter aufkommende, antijüdische Narrativ des Hostienfrevels. Darstellungen von Juden, die Hostien zerstören und damit den Tod Jesu Christi verhöhnen, verbreiteten sich von Frankreich aus in vielen europäischen Ländern. Uppenkamp analysierte die beispielhafte Bildfolge des italienischen Malers Paolo Uccello aus dem Jahr 1467.
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Dörte Bischoff untersuchte die Reaktionen auf das Bild Der zwölfjährige Jesus im Tempel von Max Liebermann aus dem Jahr 1879, die vom Blasphemie-Vorwurf bis hin zu antisemitischen Ausfällen, die sich vordergründig gegen die Darstellung des Jesusknaben, doch indirekt gegen den Künstler richteten, bis das Thema schließlich im Januar 1880 im Bayerischen Landtag verhandelt wurde. Liebermann überarbeitete als Konsequenz die Jesus-Figur und griff nie wieder biblische Themen auf.
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Der israelisch-deutsche Künstler Eran Schaerf warf mit einer Lesung aus seinem Buch Gesammeltes Deutsch ein literarisches Schlaglicht auf eine Erinnerungskultur, die, so Schaerf, zu nicht mehr tauge, als „zu einer nationalen Politik, die Erinnern mit Gedenken überblendet, um nur selektiv an die Gegenwart zu denken.“
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Der abschließende Vortrag von Ulrike Brunotte befasste sich mit der Figur der Salomé, die trotz knapper biblischer Erzählungen zu einer religiösen und künstlerischen Ikone wurde. In der Renaissance und im Barock diente sie als abschreckendes Beispiel in der christlichen Bildung und Gesellschaftssicht auf Frauen, wobei Kommentatoren die narrative Lücken mit kreativen Interpretationen füllten. Im 19. Jahrhundert wurde Salomé zur intermedialen Popikone, insbesondere durch Oscar Wildes Stück (1891) und Richard Strauss’ Oper (1905), die das Begehren ästhetisierten und Salomé exotisierten. Sie verkörperte die Femme fatale und wurde eine Ikone der symbolistischen Bewegung. Brunotte zeigte auch, wie Hedwig Lachmanns Übersetzung (1900) zu Fehlinterpretationen in Strauss‘ Inszenierung führte, und betonte die Bedeutung sorgfältiger Textarbeit.
Paolo Uccello, Das Wunder der entweihten Hostie, Szene: Eine Frau verkauft die Hostie einem jüdischen Kaufmann gegen einen Mantel, Chiesa del Corpus Domini in Urbino; Public Domain