The research project “The International Art Alumni Archive” by Prof. Dr. Astrid Mania is dedicated to the international students of HFBK Hamburg; website screenshot.
Englisch oder Deutsch?
Wie gehen wir damit um, dass die Hochschule immer internationaler – und damit englischsprachiger wird? Worin liegen die Chancen und wer wird dadurch eventuell auch ausgeschlossen? Welchen Weg finden wir, mit der Mehrsprachigkeit der Studierenden und Lehrenden umzugehen? Überlegungen zu einem komplizierten Verhältnis
Viele internationale Studierende machen eine Hochschule wie die HFBK Hamburg „reich“. Reich ist hier nicht im ökonomischen Sinne gemeint, denn als staatliche Hochschule erhebt die HFBK Hamburg keine Studiengebühren, sondern lediglich einen in Deutschland obligatorischen Semesterbeitrag. Anders als in vielen anglophonen Ländern, wie Großbritannien, USA oder Australien, sind es nicht die durch die oft sehr hohen Studiengebühren internationaler Studierender generierten finanziellen Einnahmen, welche den Reichtum der HFBK Hamburg als einer sich zunehmend internationalisierenden Kunsthochschule ausmachen, sondern es sind die diversen kulturellen Erfahrungen, Vorstellungswelten und Ideen, die aus Ländern mit jeweils unterschiedlichen Geschichten und sozialen Zusammenhängen an die Hochschule getragen werden. Das ist ein Reichtum, der nur geteilt werden kann, wenn Verständigung möglich ist. Nicht zuletzt hier liegt ein Grund dafür, dass die HFBK Hamburg, wie die meisten Hochschulen in Deutschland und auch im europäischen Ausland, ein Mindestmaß an Sprachkompetenz in der Landessprache erwartet. Kaum jemand käme wohl auf die Idee, in England oder den USA zu studieren, ohne Englisch zu verstehen oder sich auf Englisch verständigen zu können.
Im internationalen Wissenschafts- und allgemeiner im Hochschulbetrieb ist heute das Englische zur lingua franca avanciert, eine Funktion, die im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit dem Lateinischen zukam, als jener Sprache, in der sich Intellektuelle, Wissenschaftler, Philosophen, Theologen, seltener Wissenschaftlerinnen, Philosophinnen oder Theologinnen, und ebenfalls nur selten Künstler*innen, über Sprachgrenzen hinweg austauschten und diskutierten. Künstler*innen eher selten, weil das Lateinische eine Sprache der intellektuellen Eliten war, nicht immer, aber meistens ökonomisch privilegierten Kreisen entstammend oder eng mit den ökonomisch Privilegierten verbandelt, eine Elite, der Künstler*innen vor der Akademisierung ihrer Ausbildung seit dem späten 16. Jahrhundert selten zugehörig waren. Der Schwenk von einzelnen Gelehrten der Frühen Neuzeit weg vom Lateinischen und hin zu ihren jeweiligen Landessprachen war auch ein Schritt runter vom Elfenbeinturm internationaler Gelehrsamkeit. Latein als lingua franca hatte also zugleich etwas inklusives wie etwas exklusives. Darin unterscheidet sich das Englische heute vom historischen Gebrauch des Lateinischen. Es sei inklusiv und nicht exklusiv, so jedenfalls eine verbreitete Vorstellung, die davon ausgeht, dass weltweit der Erwerb englischer Sprachkenntnisse zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Dass dies nicht mit der oft unterstellten Selbstverständlichkeit zutrifft, wie gelegentlich angenommen oder unterstellt, gehört zur alltäglichen Erfahrung auch an der HFBK Hamburg ebenso wie die Erfahrung, dass englische Sprachniveaus in der Praxis des Sprechens und Verstehens je nach nationaler oder auch sozialer Herkunft und Schulbildung sehr unterschiedlich sind. Manche haben auch gar kein Englisch gelernt, sondern beherrschen andere Sprachen oder haben viel Energie in ihre Deutschkenntnisse gesteckt, um in Deutschland erfolgreich studieren zu können. Dass Englisch also ausschließlich inklusiv ist, und nicht gelegentlich auch kulturell und sozial exkludierend, halte ich für eine Fiktion. Für eine Fiktion halte ich auch, dass ein Studienaufenthalt in Deutschland ohne zumindest rudimentäre Sprachkenntnisse des Deutschen, eine über die Blase der Hochschule hinausgehende soziale Erfahrung erlaubt, denn Englisch ist nicht die lingua franca des alltäglichen Lebens, weder in Deutschland noch in Polen oder Spanien.
Niemand wird bestreiten, dass Englisch die wichtigste Sprache internationaler Verständigung ist, erst recht in der Wissenschaft. Und da Internationalität aus unterschiedlichen Gründen, ideellen und materiellen, in Wissenschaft und Forschung, an Universitäten und Hochschulen als hohes Gut betrachtet wird, ist in Deutschland seit etlichen Jahren die Tendenz zu beobachten, die Studienangebote in englischer Sprache auszuweiten und teils ganze Studiengänge an deutschen Hochschulen auf Englisch anzubieten. Der von der Hochschulrektorenkonferenz herausgegebene Hochschulkompass verzeichnete im Jahr 2021 über 1.600 Studiengänge an deutschen Hochschulen in englischer Sprache und der Trend zeigt weiter nach oben. Dies gilt insbesondere in den Natur- und Technikwissenschaften, weniger in den Geisteswissenschaften. Die Forcierung englischsprachiger Lehre an deutschen Hochschulen soll deren internationale Wettbewerbsfähigkeit unter anderem im Wettbewerb um die „besten Köpfe“, wie es im Exzellenz-Sprech oft heißt, und internationale Reputation steigern, sie für internationale Studierende und Lehrende barrierearm und attraktiv machen und die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Studierender auf einem internationalen Arbeitsmarkt erweitern.
Dennoch mehren sich die kritischen Stimmen, die in der zunehmenden Dominanz der englischen Sprache eine Gefahr für die Vielstimmigkeit in der Wissenschaft, für die Präzision des Formulierens und damit des Denkens, die Erkenntnistiefe und das gedanklich Erfinderische sehen. Diese kritischen Stimmen stützen sich nicht allein auf Ressentiments gegen anglophone Dominanz, in nostalgischer Bezugnahme auf frühere, bessere Zeiten, in denen Deutsch seinerseits einen Rang als internationale Wissenschaftssprache genossen habe. Abgesehen von der Vorherrschaft englischer Publikationen in den internationalen, mittlerweile teils kommerziell betriebenen Zitationsindices, die in vielen Disziplinen zur zählbaren Währung wissenschaftlichen Erfolgs avanciert sind, werden der Dominanz des Englischen von manchen sogar neokoloniale Qualitäten zugesprochen, welche andere Wissenschaftssprachen auf die Dauer verarmen und veröden lasse und den lebendigen Austausch zwischen der Sprache der Wissenschaft und anderen Sprachkulturen, zu denen auch die Alltagssprachen zählen, abtöte. Dies mag überzogen und angesichts der nicht wegzuleugnenden Bedeutung, die das Englische gewonnen hat, unangemessen polemisch klingen. Aus historischer Perspektive ist bemerkenswert, dass Englisch die Sprache der ehemals mächtigsten Empires ist.
Vor allem aber wurde überzeugend nachgewiesen, dass Studiensituationen, in denen Englisch gesprochen wird aber nicht anglophone Studierende auf nicht anglophone Lehrende treffen, die Qualität der Lehre, die Tiefe und Breite der Wahrnehmung von Inhalten und deren Durchdringung oft eingeschränkt ist.
Ich selbst unterrichte ausschließlich in deutscher Sprache. Auf mich trifft zu, was die Kritiker*innen des englischsprachigen Unterrichts an deutschen Universitäten für problematisch halten, dass die Qualität der Lehre leiden würde, müsste ich auf Englisch unterrichten. Zwar war in meiner eigenen gesamten Ausbildung vom ersten Semester an klar, dass Englisch auch für mein Fachgebiet, für die Kunstgeschichte, eine zentral wichtige Sprache ist, und ich in der Lage sein muss, englische Fachliteratur zu lesen, um angemessen durch mein Studium und darüber hinaus zu kommen. Ebenso klar war auch, dass ich Fertigkeiten erwerben musste, Texte in anderen Sprachen zu lesen, je nach Ausrichtung der eigenen Interessen und Schwerpunktsetzungen. Ich bilde mir ein, mich leidlich auf Englisch, auf Französisch und auch auf Italienisch verständigen zu können. Was ich mir jedoch nicht einbilde, ist, dass ich mich in diesen Sprachen auch nur vergleichsweise so sicher, so differenziert, so spielerisch und so spontan auszudrücken vermag, wie ich es auf Deutsch zu beherrschen meine auch dieses vielleicht eine Einbildung. Denn nur weil eine Sprache die sogenannte Muttersprache ist, bedeutet das noch lange nicht, dass die Sprache einem gehorcht. Und sie ist ja auch nie einfach gegeben, sondern entwickelt sich ständig in der Auseinandersetzung mit ihren Gegenständen wie vor allem in der mit anderen Menschen.
An der HFBK Hamburg wünsche ich mir einen offenen und zugleich pragmatischen Umgang mit einer Mehrsprachigkeit, die mehr Sprachen als Deutsch und Englisch kennt. Für die Studierenden, die aus anderen Ländern an die Hochschule kommen und für die anglophonen Lehrenden ebenso, wünsche ich mir, dass sie möglichst viel Unterstützung darin finden, Deutsch zu lernen, um aktiv und gestaltend an allem teilnehmen zu können, was Hochschulleben bedeutet. Und für mich persönlich wünsche ich mir Zeit, die Sprachen, die ich leidlich kann, zu verbessern.
Dr. Bettina Uppenkamp ist Professorin für Kunst- und Bildgeschichte und Vizepräsidentin mit Verantwortungsbereich Forschung und Lehre an der HFBK Hamburg