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Denken als Form des Bleibens

Das Symposium “Denken müssen wir, wir müssen denken!” versammelte im November 2025 Beträge aus Literatur- und Kulturwissenschaften, der Soziologie und Philosophie in der HFBK Hamburg, um verschiedene Dimensionen kritischen Denkens im Anthropozän auszuloten

Die Menschgemachte Klimakatastrophe findet statt – und zwar in unserer Gegenwart. Dem titelgebenden Zitat von Donna Haraway folgend, nahm die von Juliane Rebentisch (Professorin für Philosophie an der HFBK Hamburg) konzipierte und organisierte Konferenz “‘Denken müssen wir, wir müssen denken!’ Kritische Theorien im Anthropozän” die Herausforderung einer umfassenden Anstrengung des Denkens an; ausgehend von der Beobachtung, dass “die (Selbst)Wahrnehmung des modernen, von der westlichen Tradition geprägten Subjekts” im Zeitalter des Anthropozäns zum Problem wird und einer Aktualisierung bedarf.

Als Auftakt stellte Eva Horn (Professorin für Neuere deutsche Literatur am Institut für Germanistik der Universität Wien, Fellow am Hamburg Institute for Advanced Studies) in der Aula der HFBK Hamburg einen Vortrag vor, der die Sphäre der Luft als Bezugssystem kontextualisierte. Westlichen Gesellschaften attestiert sie eine “Luftvergessenheit”. Luft sei aus unserer Wahrnehmungswelt gefallen, dabei hätten Wetterbedingungen jeher Lebensformen und kulturelle Praktiken geprägt. Im Sinne der Aisthesis unterscheidet Horn zwischen “auf-der-Welt-Sein” und “in-der-Welt-Sein”: Das sich als autonom verstehende Subjekt ist lediglich auf der Welt und denkt seinen Körper als ein geschlossenes System. Wähnt sich das Subjekt jedoch in der Welt, lässt es sich affizieren und kann sich verbinden. Horns eigener Hinweis auf die Corona-Pandemie, der ihre Annahme einer egalitären Betroffenheit durch Luft markieren sollte, wurde vom Publikum problematisiert. Neben sozial ungleichen Infektionsrisiken zeigten das “I can’t breathe” der Black Lives Matter-Proteste, sowie urbane Raumordnungen deutlich, dass der Zugang zu Luft mit Machtverhältnissen zusammenhängt. Hier entfaltete der Vortrag seine Stärke: Horns Politisierung der Luft schien wie eine Tür, durch die die Zuhörenden aber allein gehen mussten.

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Der folgende Konferenztag in der Extended Library begann mit dem Vortrag von Katharina Hoppe (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main). Unter dem Begriff des Verortungsversagens nahm sie ebenfalls Bezug auf die Souveränitätsfiktion des modernen Subjekts, das strukturell darin versagt, sich als eingebettet und entangled zu begreifen. Im Anthropozän lasse sich die Trennung von Subjekt und Umwelt nicht mehr aufrechterhalten, es kommt zu einem “Kollaps der Distanz”.

Entgegen der offenen Verleugnung des eigenen Entanglements rechts-liberaler Tech-Unternehmer, interessiert sich Hoppe für die von ihr genannte “fetischisierende Verleugnung”. Hier wird die eigene Verstrickung in gegenwärtige Krisen auf eine Weise anerkannt, die dieses Wissen in einen Fetisch umschlagen lässt und sich damit gegen seine Implikationen immunisiert.1 Durch den Versuch, die multiplen Krisen rein intellektuell zu fassen, lässt sich Verunsicherung stabilisieren: “Ich weiß es, deshalb kann ich es vergessen.” Für Hoppe stellt sich die Frage, wie eine kritische Verortung aussehen kann, die sich nicht dagegen sperrt, von dem berührt zu werden, was sie weiß. Gelungen sei das im Buch An das Wilde Glauben von Nastassja Martin, in dem Selbstentfremdung mit ihrem Schrecken ein Anlass für Veränderung wird. Als Gegenbegriff zur Verleugnung gehe der Begriff der Verortung über den der Anerkennung hinaus: “Hope is not a strategy, wir brauchen Organisation!”

Auf Organisation konzentrierte sich auch Eva von Redecker (Philosophin und Autorin sowie ab April 2026 Vertretungsprofessorin für Philosophie an der HFBK Hamburg), die einen Auszug aus ihrem unveröffentlichten Buch präsentierte; und unter dem Konzept der “höheren Gewalt” Faschismus und Klima zusammen denkt. Die Vorstellung einer natürlichen Umwelt sei in erster Linie eine menschliche Projektion, die ihm glauben macht, Natur besitzen zu können.2 Im Glauben, radikal über sie zu verfügen, schlägt er einen Riss in die Metamorphose, welcher dazu führt, dass zuvor Verstoffwechselbares aus den zyklischen Regenerationsprozessen fällt. Diese “traumatisierte Natur” wendet sich nun gewaltvoll zurück; als Horror-Version lässt diese Natur, wie schon von Hoppe beschrieben, jegliche Distanz kollabieren. Um die menschliche Verstrickung in diesen Umschlag zu leugnen, wird die gekippte Natur heute wieder als Bild der mythischen ersten Natur naturalisiert. Das hat zur Folge, dass zum einen diese neue Gewalt der Naturkatastrophen verherrlicht wird, und zum anderen die Berufung auf “höhere Gewalt” den Souverän und seines Anspruchs auf Naturbeherrschung entlastet: Wo der Markt und Natur eskalieren, setzt der Sozialstaat aus.

Hier liege auch die neoliberale Sollbruchstelle zum Faschismus: Die gekippte Natur wird als mythischer Überschuss geframed, um sich der Verantwortung zu entziehen – und dient zugleich als Mittel, Menschen sterben zu lassen. Dieser Abhängigkeitsverleugnung stellt Eva von Redecker ein “Durcharbeiten” entgegen; Arbeitsvollzüge, die eine Kreislaufwirtschaft aufbauen und in einem ökologischen Sozialismus münden könnten.

Passend zur Figur der Horror-Natur schließt Christine Henschel (Professorin für Soziologie der Sicherheit und Resilienz an der Universität Hamburg) mit Beobachtungen zum Post-Apokalyptischen im Klima-Aktivismus an. Wo zuvor ein Countdown war, scheint die Katastrophe gegenwärtig und man trifft sich zum “Kollapscamp” wie im Sommer 2025 in Nordbrandenburg. Wenn die Perspektive auf den apokalyptischen Ereignishorizont überschritten ist, wie können wir mit einer “Apokalyptik der Gegenwart” umgehen? Um diese Frage zu beantworten, wendet sich Henschel an die slowenische Philosophin Alenka Zupancic und stellt fest: Das Ende liegt in der Mitte. So werde das Ende zu einer nicht-linearen Krise, die in unserer Mitte als kritischer Motor für eine konkrete Praxis von Anfängen wirkt.

Wendet sich der Klima-Aktivismus vom moralisierenden Ereignishorizont hin zu der Suche nach einem konkreten Umgang mit kontinuierlichen Veränderungen, brauchen verschiedenste Enden nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden. Im Sinne des Futur II stellt sie die Frage: “Wie werden wir gewesen sein?”, um mit einer Zukunftsprojektion Handlungsräume in der Gegenwart aufzuspüren.3

Die menschliche Sorge für Natur ist für Cornelia Zumbusch (Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Hamburg) wiederum Anlass einer kritischen Auseinandersetzung. Das mythologisierte Bild der “Mutter Natur” verniedliche sie bis zur Unschuld. Wenig überraschend folgt eine paternalistische Sorge, die die Natur kontrollieren und eingrenzen wollen würde – und sie zugleich als schutzbedürftig erzählen würde. Mit dem Gedicht Nach Eden. von Daniela Seel geht Zumbusch dem Motiv des Gartens als klassischen Ort der ökologischen Sorge nach. Humboldt habe die Amerikas als gartenlose Welt beschrieben – es gab keine Zäune. “Wer hat [also] die Mauern um Eden gebaut?”, fragt der Text und bringt den Garten mit seiner Unterscheidung von gewollten und ungewollten Pflanzen in die Nähe der Plantagen.

Der Versuch, die gekippte Natur zu kontrollieren, verbünde sich mit Reinheitsphantasien, sie im Sinne der ersten Natur konservieren zu wollen. Doch Eva habe Eden mit einer bewussten Entscheidung für Verletzlichkeit verlassen. Und Zumbusch kommt zu dem Schluss, dass wir eine vierte Natur brauchen, die invasive Arten einbezieht und nicht bekämpft; die ökologische Sorge als Zurückhaltung begreift, um zu sehen, was wächst.

Teil dieser unheimlichen vierten Natur wäre auch das Artensterben, dem sich Juliane Rebentisch anschließend in ihrem Beitrag widmete und dabei nach dem Verhältnis von Trauer und Melancholie fragte. Während die Melancholie bei Sigmund Freud als Festhalten am verlorenen Objekt den Trauerprozess unterbricht, sieht Rebentisch darin ein Potenzial: Wenn ein relational verstandenes Subjekt mit dem Verlust eines Objektes immer auch etwas von sich selbst verliert, rückt der Verlust unweigerlich ins Unheimliche – und die unbestimmte Melancholie wird Teil konkreter Trauer (bezugnehmend auf Judith Buttler). Das Gespenstische beim Artensterben sei, dass uns die komplexen Zusammenhänge der nicht-menschlichen Lebewesen größtenteils verborgen bleiben und wir zugleich bemerken, dass etwas nicht mehr da ist. Abgeschnitten von Trauer seien demnach diejenigen, die ihre Verbundenheit leugnen – so lässt sich Hoppes Verortungsversagen als regressiv melancholisch verstehen. Und Rebentisch schlägt wiederum eine “progressiv melancholische Trauerarbeit” als politische Praxis im Anthropozän vor.

Den Abschluss bildete Eva Horn mit einer Materialsammlung zur “Wiederverzauberung der Welt im Anthropozän”. Unter dem Vorbehalt, dass “indigenes Wissen” nicht verallgemeinerbar sei, stellte sie Topoi wie Animismus, Gaia und materielle Agency vor, die eher skizzenhaft angerissen wurden und damit mehr als Anregung denn als ausgearbeitete Positionen wirkten. Auf die Frage, auf welche Natur Horn sich beziehe, die sie als beseelt skizzierte, bestätigte sich ein ungelöstes Problem ihres Eröffnungsvortrags: Die Monokulturen der Plantagen ließen sich natürlich schwer als von Natur-Geistern bevölkert vorstellen, sodass auch hier der Verdacht eines romantisierten Naturbegriffs im Raum steht – den das Symposium ja eigentlich dekonstruieren wollte.

Die Konferenz machte deutlich, dass kritisches Denken im Anthropozän kein Außen mehr hat. Es operiert nicht jenseits der Krisen, sondern in ihnen – im Kollaps der Distanz, in der gekippten Natur, in der melancholischen Erfahrung von Verlust. Denken erscheint hier als Praxis: als wiederholte Rückkehr zu den prekären Bedingungen von Subjektivität und Verantwortung. Nicht als Lösung, sondern als notwendige Form des Bleibens.

  1. Als Beispiel für diese Dynamik wurde (neben PR-“Greenwashing”-Kampagnen) der Text Landkrank von Nikolaj Schultz genannt, dem nicht nur Hoppe, sondern auch viele Zuhörende attestierten, die Verstrickung des Protagonisten in eine individualpsychologische Verortung und damit in einen Fetisch kippen zu lassen. Wie bei Kant die Natur, ist bei Schultz das Klima (und seine Katastrophen) lediglich ein Anlass, um zu sich selbst zu kommen.
  2. Redecker bringt hier den Begri des “Phantombesitzes” ein, der einen “Verfügungswillen (…) (benennt), wo gar kein institutionell abgesicherter Herrschaftsanspruch mehr besteht”. (vgl. Eva von Redecker, Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2020)
  3. Als literarisches Beispiel für diesen Modus des Futur II stellte Henschel das Buch Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft von Fiona Sironic vor.

12. – 13:11.2025

“‘Denken müssen wir. Wir müssen denken!’ – Kritische Theorien im Anthropozän”

Prof. Dr. Juliane Rebentisch, Prof. Dr. Eva Horn, Dr. Katharina Hoppe, Dr. Eva von Redecker, Prof. Dr. Christine Hentschel, Prof. Dr. Cornelia Zumbusch

HFBK Hamburg, HIAS

Anse Grabold studierte an der HfG O enbach, der Estonian Academy of Arts in Tallin, sowie der Akademie der bildenden Künste in Wien und absolviert aktuell ein Master-Studium an der HFBK Hamburg. Dey unterrichtet Fotografie an der Fakultät Gestaltung in Würzburg und ist als Referent*in tätig. In queerfeministischen kollektiven Formaten arbeitet Grabold regelmäßig kuratorisch; deren individuelle künstlerische Praxis lässt sich zwischen konzeptueller Fotografie und Installation verorten.

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