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Das Gleichgewicht des Universums

Es ist viel passiert. Ich bin umgezogen, bin dem Tod von der Schippe gesprungen und habe ein Gespräch über das Gleichgewicht im Universum mit einem 18 Jährigen geführt. Deshalb habe ich mir eine Woche Auszeit genommen. Also Schreibauszeit. Zwischen den Kisten und geplatzten Wasserhähnen und Autovermietungen, in denen Menschen die Funktionen von Webseiten bekleiden und Praxiswartezimmern und Behandlungsräumen mit abstrakten Golfstatuetten war einfach kein Platz für diese Texte. Es flimmert immer noch alles zu einem großen Brei zusammen, wenn ich die Augen schließe. Ein Tresengespräch am Dienstag wird mir aber in seiner Besonderheit wohl unvermischbar in Erinnerung bleiben. Es war kurz nach sieben und ich hatte gerade erst aufgemacht, da sprang die Tür auf und ein Junge mit Bartflaum und Merch-Anorak der deutschen Fußball Nationalmannschaft der Männer* kam in den noch leeren Laden und setzte sich direkt an den Tresen. Er borgte sich etwas Tabak und rauchte schweigend eine Weile, bis er mich ansah und meinte, er brauche einen Rat, und da ich ja so was ähnliches wie ein Arzt sei, könne ich ja wohl in Lebensfragen Auskunft erteilen. Ein Freund vom ihm wurde beim Gras verkaufen auf dem Steindamm mit einem Messer abgezogen. Da ihm jetzt die Welt im Ungleichgewicht erschien, hatte er sich gedacht, er zieht einen der Täter jetzt auch mit dem Messer ab und bringt so die Welt wieder in Ordnung. Ob ich glaube, dass es so funktionieren könnte, war seine Frage. Wir hatten einen merkwürdigen Moment gemeinsam. „Das ist eine richtige Scheiß-Idee“ war mein erster Rat. Denn sie setzt voraus, dass auch die Täter* von dem Gleichgewicht des Universums wissen und, wenn einem von ihnen jetzt das selbe widerfährt, dann nickend sitzen bleiben und zu sich selber sagen: „Jetzt sind wir quitt.“ Dass das ja wohl unwahrscheinlich sei, und er damit ein Fass aufmache, dass er vielleicht nicht mehr zu bekommt, habe ich zu ihm gesagt. Und dass ich nicht an Gleichgewicht glaube, sondern an gebaute Scheiße, die immer größer wird. Und dass es vielleicht eh nicht so eine gute Idee war, einfach mal zum Steindamm zu gehen um da ins Geschäft einzusteigen und zu erwarten, dass das keine Probleme gibt. Und dass man manchmal einfach Dinge, die nicht gut gelaufen sind, als solche akzeptieren muss. Puh. Das war mein Rat und er nickte nur und meinte, er denke da mal drüber nach, ich scheine ja nicht auf den Kopf gefallen zu sein. Dass ich schon richtig oft auf den Kopf gefallen bin, einmal war ich sogar fast einen Tag lang im Koma, hab ich ihm nicht gesagt. Unser Gespräch war irgendwie zu Ende. Es war alles gesagt. Ob er eine Packung Erdnüsse haben könne, schob er noch nach. „Klar, für einen Euro kannst du eine Packung Erdnüsse haben“ war meine Antwort, denn ich war ja schließlich auf der Arbeit. Er verzog das Gesicht: „Bei meinem Vater gibts die immer umsonst“, murmelte er, stand auf und verschwand.

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