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Graduiertenkolleg

Die gelehrigen Körper – Musik decodiert Disziplin

Konzert und Symposium an der HFBK Hamburg
Mittwoch, 22. Oktober 2014, 15 – 20 Uhr

Organisation: Prof. Dr. Hans-Joachim Lenger, Benjamin Sprick

Was macht einen Körper aus? Unausgesetzt geht er aus Techniken der Disziplinierung, der Abrichtung und Normierung hervor. Tief tragen sich Figuren der Macht in ihn ein und machen ihn zu einem kalkulierten und kontrollierbaren Gefüge geregelter Affektionen und abrufbaren Verhaltens. Die Entzifferung dieses Gefüges überfordert tradierte Begriffe und Zeichenordnungen in vieler Hinsicht. So sehr dieses Gefüge im Sichtbaren und Sagbaren zutage tritt, so wenig erschöpft es sich darin, sichtbar und sagbar zu sein. Klang, Geräusch und Rhythmus jedoch öffnen auf ihre Weise, was sich derart zurückzieht und verschließt. Sollte die Musik also wie eine „Sprache“ sein, dann weil sie die Affekte nicht weniger berührt und in Resonanz versetzt als die Regimes ihrer Anordnung. Wie schmerzhaft immer – der Ton zeichnet die Lehren nach, unter denen die Körper wurden, was sie sind. Er lässt die Lektionen, die ihn disziplinierten und kontrollieren, aus der Erinnerung auftauchen. Er inkorporiert und wiederholt sie. Nicht jedoch, um sie festzuschreiben und zu befestigen: ganz anders kann Musik ihre Dispositive und Wirkungen entziffern und freilegen, was ihnen virtuell vorangeht. Aus den gelehrigen Körpern taucht dann auf, was in Techniken der Disziplinierung und Kontrolle den Regelabständen der Macht ausgesetzt wurde. Etwas, woran eine „virtuelle Kampfstrategie“ (Foucault) anknüpfen kann, um diesen Ordnungen zu entgehen und Widerstand zu leisten (eine De-Codierung, die die Systeme der Codes heimsucht und möglicherweise zerrüttet). Insofern enthält Musik Elemente einer „Forschung“; in ihr artikuliert sich ein Wissen.

Programm

Symposium:
Die gelehrigen Körper – Musik decodiert Disziplin

HFBK Hamburg, Lerchenfeld 2, Raum 11

Das Symposium wendet sich den politischen und philosophischen Implikationen der aktuellen Musik zu. Hierbei rücken auch die ökonomischen Widersprüche in den Fokus, denen sich eine aktuelle Musikpraxis ausgesetzt sieht. Sie bestehen in einem zunehmenden Zwang, in einer vermeintlich freien Musik-Szene selbst zum „Unternehmer“ zu werden. Sie bestehen darin, höchsten Anforderungen an die musikalischen-technischen Fähigkeiten der Musikerinnen und Musiker genügen zu müssen, um Techniken der Disziplinierung entgehen zu können. Sie schlagen sich in den prekären Arbeitsbedingungen nieder, die im tagtäglichen Musikbetrieb teilweise an den Rand der Erschöpfung führen.

15 Uhr
Begrüßung und Einführung
Benjamin Sprick (Lehbeauftragter im Studienschwerpunkt Theorie & Geschichte an der HFBK)

15.30 Uhr
Schönes Hemd - Präsenz und Performance in der Neuen Musik
Michael Rebhahn (Musikpublizist, Radioautor und Kurator, Frankfurt/Main)

16.15 Uhr
Conduct Yourself - Die gefräßige Maschine
Florina Speth (Kognitionswissenschaftlerin, Berlin)

17 Uhr
Pause

17.45 Uhr
Rums / Krach / Flirren oder Säusel? Von Problemen des Anfangens
Gordon Kampe (Komponist, wissenschfatlicher Mitarbeiter an der Folkwang Universität der Künste, Essen)

18.30 Uhr
Virtuelle Kampfstrategien
Hans-Joachim Lenger (Professor für Philosophie an der HFBK Hamburg, Sprecher des Graduiertenkollegs „Ästhetiken des Virtuellen“)

20.00 Uhr

Konzert:
Decoder Ensemble für aktuelle Musik
Die gelehrigen Körper – Musik decodiert Disziplin

HFBK Hamburg, Lerchenfeld 2, Aula

Das Decoder Ensemble, gegründet 2011 in Hamburg, versteht sich als „Band“ für aktuelle Musik und zählt zu den unberechenbarsten Formationen einer jungen Neue-Musik-Szene. Überraschende Kollaborationen gehören ebenso zum Programm wie ein stark elektrifizierter Sound, der von experimenteller Instrumentalmusik über Vokalakrobatik bis hin zu musikalischer Konzeptkunst reicht.

Unter dem Titel „Die gelehrigen Körper“ präsentiert das Ensemble ein Programm, dessen Werke vornehmlich von Phänomenen außerhalb des Konzertsaals angeregt und auf unterschiedliche Weise „fremdbestimmt“ sind - sei es durch dubiose Geisterstimmen, philosophische Betrachtungen oder befremdliche Instrumentaltechniken. Ergebnis ist in jedem Fall ein Klangbild, das auch vor Radau und Lärm nicht Halt macht und als inszenierte Selbstaufgabe bisweilen im Techno-Rausch oder Dominastudio endet.

Gordon Kampe (*1976)
Nischenmusik mit Klopfgeistern
(2013)
for voice, clarinet / bass clarinet, e-zither, keyboard, percussion and electronics

Zeit, sich mit der “anderen Seite” zu beschäftigen! In sieben kurzen, ineinander übergehenden Sätzen erscheinen diverse Poltergeister und Untote:

1.    Recitativo
2.    Norman Bates' Cavatina
3.    Rosenheim-Poltergeist
4.    Das Anti-Monster-Kit (US-Patent, 2004/0232170 A1)
5.    Westfalen-Aria
6.    Frollein Idas Ariette vom Aufschneiden
7.    Trocken-Stretta – (Krchchchchchch… Lex Kampe §1,2: Hauptsache mit gusto)

Alexander Schubert (*1979)
Lucky Dip
(2013)
for keyboard, e-zither, MIDI drumset, electronics, light, fog and video

Luck Dip ist eine Post-Rave-Komposition für elektronische Instrumente, Licht, Videoprojektion und Nebelmaschine. Mit audiovisuellen Mitteln wird versucht, den Zuhörer in einen Zustand zu versetzen, der von mehreren Sinneseindrücken zugleich bestimmt wird. In gewisser Weise beschreibt das Stück den situativen Verlauf einer vierundzwanzigstündigen Club-Nacht und stellt Momente des Abtauchens, der Beschleunigung und Verzögerung, der Verwirrung und überwältigend-emotionalen Ausbrüche nach.

twenty hours, forward, bridge,
circle, line, open, twitch.
heavy drag, align the moths,
feathers hit embrace, the froths.
fast awake.
post-rave.
clouds of tongues, aligned commute,
a splitting point no less acute,
break lights constantly reroute,
a shadowed washout of your own repute.
ok I get it now, the undertow reloops,
the nets draw in, the flock regroups,
cheeks, light wash, attention
another breath, another quickening,
prolonged retimed, and kisses too,
an exceed intervention.

Leopold Hurt (*1979)
Aggregat
(2005)
for cello, bass zither and electronics

Aggregat steht exemplarisch für meinen kompositorischen Ansatz, zwischen scheinbar unzusammenhängenden und disparat erscheinenden Elementen neue Verbindungen entstehen zu lassen. Das Stück basiert über weite Strecken auf einer früheren Komposition für die chinesische Schoßgeige Erh-hu und die (europäische) Basszither (in Vierteltonstimmung), wobei die vormalige Klangwelt den veränderten instrumentalen Mitteln entsprechend stark erweitert wurde. Reste der chinesischen Spieltechnik wuchern in der jetzigen Fassung in eine elektronische Parallelwelt hinein, während die ursprüngliche Struktur des Werks stark entzerrt wurde, um keilartigen Einschüben Platz zu machen. Für das gewünschte „elektrifizierte“ Klangbild jener blockhaften Momente wurden bewusst nur Effektgeräte und Synthesizer-Klänge benutzt, die sonst im Techno und in der Rockmusik Verwendung finden. Bei all dem geht es nicht um ein irgendwie geartetes „Crossover“ oder gar um eine Nivellierung der verwendeten Elemente. Vielmehr sollen die Materialien für sich stehen und in ihrer Kombination eine neue, vielleicht absurde Logik entwickeln.

Andrej Koroliov (*1982)
like my domination (die gelehrigen körper)
(2013)
for voice, clarinet / bass clarinet, e-zither, piano / keyboard, percussion and electronics

In Michel Foucaults Werk „Überwachen und Strafen“ wird beschrieben, wie weit hierarchische Konstellationen sublimiert werden können, um das dominierte Subjekt derart abzurichten, dass es keine Anweisungen seines „Herren“ mehr benötigt, um in dessen Sinne zu funktionieren. Die Komposition „like my domination (die gelehrigen körper)“ greift Aspekte dieser Theorie auf und zieht einen analogen Vergleich in der Musik bzw. in deren Ausübung. Der vokale Part dient dabei als Zuchtmeister, um die Instrumentalisten nach und nach „zurechtzubiegen“ und schließlich das erklärte Ziel – die Überflüssigkeit eigener Eingriffe – zu erreichen. Als unerwünschtes Nebenprodukt entsteht bei den dominierten Instrumentalisten allerdings eine saftige Neurose, welche die Hoffnung auf zukünftige Systemfehler weckt.

Decoder Ensemble

Frauke Aulbert (Stimme)
Leopold Hurt (E-Zither)
Andrej Koroliov (Klavier / Keyboards)
Carola Schaal (Klarinette / Bassklarinette)
Sonja Lena Schmid (Violoncello)
Alexander Schubert (Elektronik, Sounddesign)
Jonathan Shapiro (Schlagzeug)

 


„Ästhetiken des Virtuellen“

Symposium und Konzert sind Teil einer Reihe von Auftaktveranstaltungen, mit denen die HFBK ein dreijähriges Graduiertenkolleg zu Fragen der „Ästhetiken des Virtuellen“ eröffnet. Das Kolleg wird sich – transdisziplinär zwischen Künsten und Wissenschaften – den verschiedenen Modalitäten zuwenden, in denen das „Virtuelle“ zusehends an Bedeutung gewinnt, umso mehr jedoch einer intensiven Auseinandersetzung und klarerer Bestimmungen bedarf. Konzert wie Symposion sollen beispielhaft verdeutlichen, wie sich Wissenschaften und Künste einem gemeinsamen „Gegenstand“ zuwenden können, wobei vielfältige Zugänge interferieren.
www.hfbk-hamburg.de/graduiertenkolleg/

agoRadio

agoRadio wird die gesamte Veranstaltung dokumentieren und ab 14. November als zweistündige Sendung bundesweit ausstrahlen. Live-Mitschnitte aus dem Konzert, Vorträge des Symposions sowie O-Töne aus ›Befragungen‹ der Zuhörer werden dabei mit ausführlichen Interviews mit den Ensemble-Mitgliedern montiert.
www.agoradio.de

 

 

Die gelehrigen Körper –
Musik decodiert Disziplin

Mittwoch, 22. Oktober 2014
15 Uhr   Symposium
20 Uhr   Konzert

Ort:
HFBK Hamburg, Lerchenfeld 2