Offener Brief der Professoren an Senator Dräger
Sehr geehrter Herr Senator Dräger,
mit brennender Sorge beobachten wir die Entwicklung um die Einführung von Studiengebühren an der HFBK. 80 Prozent der studiengebührenpflichtigen Studierenden haben an der Hochschule für bildende Künste ihre Studiengebühren nicht gezahlt oder nicht zahlen können und sollen deswegen exmatrikuliert werden.
Insbesondere die Studierenden der künstlerischen Disziplinen scheuen davor zurück, von dem Angebot eines Kredits Gebrauch zu machen, weil das Risiko im Anschluss an das Kunststudium keine ausreichenden Einnahmen zu haben, um die Kredite zurückzahlen zu können, zu hoch ist. Gerade Künstler und Künstlerinnen erwartet kein fest definiertes Berufsbild mit kalkulierbaren Aussichten und planbaren Karriereverläufen. Jeder geht als freier Unternehmer auf den Markt und hat damit ohnehin ein hohes Risiko zu tragen. Bei der vorgesehenen Verzinsung von über fünf Prozent im Laufe der Jahre entsteht eine Verschuldung, die kein Künstler und keine Künstlerin verantwortlich eingehen kann.
Nach dem derzeitigen Stand wird das Studium der bildenden Künste mindestens 6.000 Euro an Studiengebühren kosten. Von Mieten, Lebensunterhalt und Materialgeldern, die in einem Kunststudium exorbitant hoch sind, nicht zu reden. Ein/e Künstler/in muss im Anschluss an die Ausbildung mit durchschnittlich mindestens zehn Jahren rechnen, bevor er/sie mit seiner/ihrer Kunstproduktion ausreichende Einnahmen erwirtschaften kann.
Wenn die HFBK 80 Prozent ihrer Studierenden exmatrikuliert, wird es für viele Jahre keinen künstlerischen Nachwuchs in der Metropole Hamburg geben. Damit würde für die Hansestadt auch kulturell ein großer Verlust eintreten. Denn die vitale alternative Ausstellungsszene, die sie zurzeit aufzuweisen hat, wird wesentlich von Studierenden und AbsolventInnen der HFBK geprägt. Mit Ausstellungsräumen wie z. B. dem Trottoir, dem Elektrohaus, Pulverteich 13, dem Hinterkonti, Feinkunst Krüger, der Pudel Collection oder auch dem Kunstverein Harburger Bahnhof haben sich junge HFBK-KünstlerInnen aktiv in das kulturelle Geschehen der Stadt eingemischt und es entscheidend mitgeprägt. Über diese Orte ebenso wie über die etablierten Institutionen Kunstverein, Kunsthaus, Kunsthalle, Altonaer Museum und kommerzielle Galerien konstituiert sich die Hamburger Kunstszene, die vornehmlich durch die Deichtorhallen und die Galerie der Gegenwart in einen internationalen Zusammenhang gestellt ist.
Bis heute sind aus der HFBK überdurchschnittlich viele namhafte Künstler hervorgegangen, die international Karriere gemacht haben (Franz Ackermann, Fatih Akin, Stefan Balkenhol, Hanne Darboven, Georg Herold, Oliver Hirschbiegel, Rebecca Horn, Hermine Hundgeburth, Christian Jankowski, Hubert Kiecol, Martin Kippenberger, Gustav Kluge, Loriot, Jonathan Meese, Anna Oppermann, Daniel Richter, Eu Nim Ro, Andreas Slominski, Dorothee von Windheim, um nur einige zu nennen).
Viele Studierende der HFBK bemühen sich jetzt um einen Studienplatzwechsel. Die Begabtesten, d.h. die von Hamburg so sehr gewünschten „Talente“ werden für Hamburg verloren sein.
Die Wettbewerbsfähigkeit der HFBK ist im bundesdeutschen Vergleich ohnehin außerordentlich stark eingeschränkt:
1. Alle Bundesländer haben die künstlerischen Studiengänge von der Einführung des Bachelor/Mastersystems befreit. Die Hamburger Kunsthochschule ist bundesweit die einzige renommierte Kunsthochschule mit einem modularisierten Studiensystem.
2. Die renommierten Kunsthochschulen sind ebenfalls nahezu vollständig von Studiengebühren befreit:
Kunstakademie Düsseldorf 0,- Euro Studiengebühren
Universität der Künste Berlin 0,- Euro Studiengebühren
Kunstakademie Städel Frankfurt 0,- Euro Studiengebühren
Kunstakademie München 300,- Euro Studiengebühren
Die Bewerberzahlen an der HFBK Hamburg für das Wintersemester 2007 sind aufgrund der politischen Vorgaben von Studiengebühren und des BA/MA-Studiensystems um fast 50 Prozent zurückgegangen. Keine andere deutsche Kunsthochschule hat einen vergleichbaren Bewerberrückgang zu beklagen.
In der Folge werden auch keine international renommierten Künstler mehr einen Ruf für eine Professur in Hamburg annehmen. Namhafte Besetzungen wie Joseph Beuys, Gotthard Graubner, Friedensreich Hundertwasser, Sigmar Polke, Dieter Rams, Franz Erhard Walther etc. werden dann definitiv der Vergangenheit angehören.
Wir bitten Sie deshalb eindringlich, alle Möglichkeiten zu prüfen, die individuellen Tragödien der betroffenen Studierenden sowie die drohende kulturelle Verarmung Hamburgs abzuwenden.
gez.
Prof. Raimund Bauer, Prof. Thomas Bernstein, Prof. Wigger Bierma, Prof. Werner Büttner,
Prof. Marie José Burki, Prof. Dr. Michael Diers, Prof. Silke Grossmann, Prof. Ernst Kretzer,
Prof. Andree Korpys, Prof. Matthias Lehnhardt, Prof. Dr. Hans-Joachim Lenger, Prof. Markus Löffler, Prof. Glen Oliver Löw, Prof. Dr. Hanne Loreck, Prof. Susanne Lorenz, Prof. Anne Marr,
Prof. Michaela Melián, Prof. Rüdiger Neumann, Prof. Ingo Offermanns, Prof. Dr. Michaela Ott, Prof. Lutz Pankow, Prof. Norbert Schwontkowski, Prof. Andreas Slominski, Prof. Wiebke Siem, Prof. Ralph Sommer, Prof. Pia Stadtbäumer, Prof. Wim Wenders
22. Juni 2007
