Hintergrund
Seit geraumer Zeit erfreut sich das Thema »Kunst und Forschung« einer wachsenden Popularität. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich. Sie reichen von einer pragmatischen Ebene, von Fragen der Kultur- und Hochschulpolitik, bis hinab zu einem epistemologischen Tiefgrund. Auf derart fundamentalem Niveau war es insbesondere die Diskussion um den Begriff der Postmoderne – als einer spezifisch geisteswissenschaftlichen Bewegung ebenso wie im Sinn einer allgemeinen gesellschaftlich-kulturellen Zeittendenz – die im Lauf der vergangenen Jahrzehnte zu einem Abbau tradierter Demarkationslinien beigetragen hat. Wissenschaft und Künste müssen heute – so ein mögliches Fazit jener mittlerweile beendeten, dabei keineswegs abgeschlossenen Debatte – nicht mehr im Sinne hermetisch gegeneinander abgeschotteter Erkenntnissphären konzipiert werden. Vielmehr leitet sich die Möglichkeit einer gegenseitigen Öffnung gerade aus der Einsicht in eben die Unmöglichkeit des Gegenteiligen, nämlich einer strikten Trennung, ab.
Weniger fundamental, dafür umso virulenter und in seiner Alltagsrelevanz wirkmächtig, mag ein anderer Grund erscheinen. Es ist der Umbau des deutschen Hochschulwesens, in dem das Akademiesystem mit seinen an Professorenpersönlichkeiten gebundenen Fachklassen und Meisterschülerstudiengängen als schwer zu integrierender Anachronismus erscheint. Die mögliche Nähe der Kunst zur Wissenschaft mag in diesem Kontext als Chance verstanden werden – wobei der Begriff »Chance« je nach Standpunkt unterschiedlich interpretiert werden kann: 'Chance' zur Befreiung der Kunst von einer selbstauferlegten Abschottung gegenüber anderen Formen des Wissenszugangs; oder 'Chance' zu einer fortschreitenden Bürokratisierung und Domestizierung des bislang schwer zu Subsumierenden und Widerständigen.
Ein weiterer maßgeblicher Grund für die gewachsene Aufmerksamkeit, der sich das weite und oft schillernde Feld zwischen systematischer und idiosynkratischer, zwischen theoretischer und bildnerischer Erkenntnisarbeit aktuell erfreut, mag schließlich in der Praxis der Kunst selbst liegen. Denn im Anschluss an die kontextbezogene Kunst der 1960/70er Jahre und die research-based art der 1990er Jahre entstehen heute erneut künstlerische Formate, die sich einer einfachen Zuordnung gemäß konventioneller Taxonomien wie »Genre« und »Disziplin« entziehen. Innovative Hybride in Gestalt von Recherche-basierter Installationskunst, historischen Reenactments oder Videoessays machen dabei jedoch im Grunde nur auf besonders augenfällige Weise eine Tendenz deutlich, die sich auch angesichts anderer, vermeintlich traditionellerer Bereiche ausmachen ließe: Nämlich dass rational-kognitive und bildnerisch-sensuelle Wirkungsweisen heute nicht mehr zwangsläufig als in Opposition zueinander stehend begriffen werden müssen – sondern vielmehr als zu erkundendes und in seiner möglichen Reichweite (neu) zu entdeckendes Spannungsfeld verstanden werden können.
Die Gründe für die gegenwärtige Renaissance der Kunst als »ars« – im Sinn einer ars liberalis – mögen also mannigfaltig sein. Ein Umstand erscheint dabei jedoch gewiss: Nämlich dass sich die Relevanz künstlerischer Forschung letztlich weder mittels pragmatischer noch erkenntnistheoretischer Argumentation wird beweisen lassen. Vielmehr ist es Aufgabe der Praxis selbst, eben diese aus sich selbst heraus offenzulegen. Es ist dieser Gedanke, der den Ausgangspunkt und den Leitfaden der Symposienreihe »Zwischen Grenzgang und Seitenwechsel« bildet.
Benno Hinkes
Zwischen Grenzgang und
Seitenwechsel
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Arne Bunk, Benno Hinkes, Angelika Lepper, Christa Pfafferott, Jana Seehusen
